Dr. Helga Pohl
Zu meiner Person: Ich bin im Ausgangsberuf Psychologische Psychotherapeutin mit psychoanalytischer Ausbildung und Approbation. Die ersten 20 Jahre habe ich außer in der Forschung hauptsächlich psychoanalytisch in Einzeltherapie und familientherapeutisch gearbeitet. Ich war, denke ich, in dieser Form der Psychotherapie recht gut, aber leider wurde ich im Laufe der Zeit fast berufsunfähig, denn mich plagten zunehmend mehr eigene Rückenschmerzen.
Die Rückenschmerzen wurden so unerträglich, dass ich alle möglichen üblichen Behandlungsmethoden ausprobierte. Ich nahm Medikamente, ließ mich spritzen, quaddeln, massieren, einrenken, aufhängen, in die Länge ziehen, machte alle möglichen Übungen, legte mich auf heißen Fango, brachte es bis zum speziell angefertigten Korsett, zur Kur auf Ischia und schließlich zur Operation. Aber nichts half wirklich. Im Gegenteil: Zu den Rückenschmerzen gesellten sich im Laufe der Zeit noch Schmerzen in Schulter, Arm und Hand und immer häufiger ein so genanntes akutes HWS-Syndrom, bei dem jede Kopfbewegung überaus schmerzhaft war.
Da ich dachte, dass es irgendwo auf der Welt etwas geben müsste, was mir helfen könnte, machte ich mich auf die Suche im alternativen Bereich. Dabei entdeckte ich zwar zunächst auch eine Menge Unsinn, d. h. Methoden, die meine Schmerzen noch verstärkten, aber mit der Zeit auch Vernünftiges. Auf der Suche nach einer Alternative fand ich eine Reihe körpertherapeutischer Verfahren, die vor allem in den USA praktiziert werden. Die erste vernünftige Methode, die ich fand, war Feldenkrais, dann folgten Hanna Somatics, Myogelosen- und Triggerpunktbehandlung, Zen Bodytherapy und andere Körpertherapien, mit denen ich mich behandeln ließ. Zunehmend fasziniert studierte ich dabei gleichzeitig selbst die Zusammenhänge in meinem Körper, meiner Haltung und Bewegung und verlor meine Beschwerden relativ rasch. Voller Begeisterung absolvierte ich einige körpertherapeutische Ausbildungen und lernte akribisch am eigenen Körper funktionelle Anatomie. Inzwischen habe ich selbst seit 17 Jahren keinerlei Beschwerden mehr und bin heute beweglicher und lebensfroher denn je. Was mir aus meiner schlimmen Zeit geblieben ist, ist ein tiefes Mitgefühl für alle Patienten, denen es ähnlich ergeht wie mir früher, Patienten, die verzweifelt sind, nicht nur aufgrund ihrer kaum auszuhaltenden Beschwerden, sondern auch, weil ihnen niemand bisher helfen konnte, ja ihnen oft noch nicht einmal glaubte.
Eigene körperpsychotherapeutische Behandlungen: Im Laufe meiner Beschäftigung mit meinem eigenen Körper und den Körpertherapien sah ich plötzlich ringsum sehr viele Menschen mit ähnlichen Leiden wie den meinen, Menschen, denen oft weder Medizin noch Psychologie im erwünschten Umfang hatten helfen können. Vor allem sah ich plötzlich, wie verspannt meine Patienten waren.
Deshalb habe ich – zunächst sehr zögerlich - angefangen, meine Psychotherapie-Patienten auch körpertherapeutisch zu behandeln. Allmählich führte ich gemischte Behandlungen durch: die Hälfte der Zeit führte ich weiter psychotherapeutische Gespräche mit meinen Patienten über ihre Probleme und die andere Hälfte der Zeit behandelte ich sie körpertherapeutisch. Da merkte ich, dass die Einbeziehung des Körperaspekts zu einer Verbesserung meiner Behandlungen führte. Außerdem wurden Patienten mit Leiden ohne organischen Befund, die aber von der Körperlichkeit ihres Leidens überzeugt waren, so überhaupt erst ansprechbar und behandelbar. Daher konzentrierte ich mich immer mehr auf die Weiterentwicklung der Körperpsychotherapie. Hatte ich zuvor ein vorwiegend abstrakt-symbolisch geprägtes Verständnis des Körper-Seele-Zusammenhangs, so entwickelte ich jetzt ein neues Konzept der Psychosomatik, in dem das direkte Erleben, Bewegen und Wahrnehmen des realen Körpers eine große Rolle spielt. (siehe auch »Das Konzept der Sensomotorischen Körpertherapie, PDF«, und »Psychosomatik - eine neue Sichtweise, PDF«).
In der körpertherapeutischen Diagnose und Behandlung geht es nicht um darum, herauszubekommen, welche Krankheit jemand hat (organische Erkrankungen sollten zuvor ausgeschlossen sein), sondern mit dem Patienten zusammen herauszufinden, was er in welchen Alltags- oder Belastungssituationen unwillkürlich körperlich tut, so dass er seine Beschwerden immer wieder bekommt.
Dabei machte ich die Entdeckung, dass sich bei sehr vielen, sehr unterschiedlichen psychischen und psychosomatischen Beschwerden und Missempfindungen Dauerkontraktionen, Verspannungen in der Muskulatur finden lassen, nur eben je nach Störung an unterschiedlichen Orten und durch unterschiedliche Bedingungen entstanden. Diese Dauerkontraktionen finden sich nicht nur am Ort der Beschwerden, sondern ziehen sich als Spannungsmuster durch den ganzen Körper. Später entdeckte ich Verspannungen auch im Unterhautbindegewebe. Den Betroffenen sind all diese Dauerkontraktionen zunächst überhaupt nicht bewusst, wie sie überhaupt ein sehr mangelhaftes Körpergefühl aufweisen. Sie sitzen zum Beispiel den ganzen Tag nach vorn gebeugt, was aber höchstens anderen auffällt. Auch die mit den Dauerkontraktionen eingeschränkte Beweglichkeit verschiedener Körperteile ist ihnen nicht bewusst (sie merken nicht, dass sie Bauch- und Brustmuskeln in der vorgebeugten Position nicht mehr bewegen können und dass ihre Atmung dadurch eingeschränkt ist). Noch weniger merken sie zunächst, auf welche körperlichen wie seelischen Gegebenheiten sie mit verstärkter Anspannung reagieren.
Nach meiner Erfahrung reicht ein rein mentales Vorgehen (also denken und sprechen) zur Auflösung solcher unbewusster Dauerkontraktionen nicht, so nötig das mentale Begreifen der körperlichen Vorgänge auch ist. Denn meist ist eine „Sensomotorische Amnesie“ entstanden, d.h. diejenigen Hirnteile, mit denen wir bewusst spüren und bewegen, haben „vergessen“ wie die dauerkontrahierten Muskeln sich anfühlen und bewegen lassen, da aus den verspannten Stellen durch die fehlende Bewegung keine sensorische Rückmeldung mehr kommt. Es sind weiße Flecken auf der Körper-Landkarte entstanden. Reine mentale Erklärungen oder Aufforderungen zum Spüren oder Bewegen wirken daher am Anfang, als wenn man Blinden etwas über Farben erzählt. Auch durch pädagogische Maßnahmen („Halte Dich gerade!“) wird man die Verspannungen nicht los. Man setzt höchstens der einen Dauerspannung eine andere entgegen (im Beispiel: jetzt sind nicht nur die Muskeln der Vorderseite sondern auch die Rückenmuskeln verspannt). Jede/r muss vielmehr selbst mit Hilfe des Therapeuten den eigenen Körper und dessen Reaktionen in individuellen Zusammenhängen spüren, bewegen und verstehen lernen.
Dazu bedarf es meiner Meinung nach zunächst direkt körperlich erfahrbarer Vorgehensweisen, die mit Berühren, Spüren und Bewegen, Druck und Zug an den dauerkontrahierten Stellen arbeiten und damit Muskulatur und Bindegewebe lockern. Damit erst können die betroffenen Körperteile wieder erfahrbar werden: sie werden spürbar und beweglich. Dann erst können sie in das Körperbild integriert werden und werden wieder mental zugänglich. („Wenn vorne alles lockerer wird, werde ich vorn länger und kann leichter aufrecht sitzen. Und ich kann auch besser bis nach unten atmen. So fühle ich mich wohler. Mein Nacken wird auch freier.“).
Das heißt: Erst nach der manuellen Auflösung der Dauerkontraktionen, an der der Patient zunehmend aktiver beteiligt ist, kann er sich wieder spüren und damit auch erkennen, unter welchen Alltagsbedingungen er seine Muskeln immer noch mehr als nötig anspannt und wie das auf sein Befinden wirkt. „Ich werde im Alltag wieder mehr nach vorn gebeugt; wenn ich den ganzen Tag an einem zu niedrigen Monitor arbeite“, “Ich merke, dass ich mich immer depressiver und erschöpfter fühle, je länger ich so vorgebeugt da sitze“.“je mehr ich den Bauch eingezogen halte und je mehr ich im Stress bin, desto mehr werde ich vorn fest, desto schlechter kann ich atmen“. „Ich merke, dass mein Harndrang umso stärker wird, je weniger ich beim Sitzen nach unten atmen kann.“…Eventuell stellt der Patient auch selbst biographische Bezüge her „Ich habe mich so nach vorn zusammengezogen,…“ um kleiner zu wirken“,… „um die wachsende Brust nicht so sichtbar werden zu lassen“,… „um mich überhaupt zu verstecken und in Deckung zu gehen“, …„weil ich schon als Kind recht ängstlich war“) Erst durch diese Bewusstseinsarbeit werden die mit den direkt körperlichen Verfahren erzielten Erfolge dauerhaft und der Patient vom Therapeuten unabhängig. Diese Erkenntnisarbeit setzt allerdings nicht spontan ein (so ist bei den üblichen Massagen der Erkenntnisgewinn meist gleich Null. Man fühlt sich nur eine gewisse Zeit wohler.) Man muss die Aufmerksamkeit des Patienten darauf richten und ihm Zusammenhänge erklären („Wenn Sie lange so vorgebeugt sitzen, müssen Sie Nackenverspannungen bekommen, denn Sie müssen in dieser Position den Kopf mit den Nackenmuskeln gegen die Schwerkraft halten, damit er Ihnen nicht auf das Brustbein fällt. Legen Sie eine Hand auf den Nacken und spüren Sie, wie hart Ihre Nackenmuskeln werden, wenn Sie in eine vorgebeugte Haltung gehen!“).
Schließlich begann ich, verschiedene körpertherapeutische Verfahren zur Auflösung der Dauerkontraktionen mit der Körperbewusstseinsarbeit zu integrieren. So entstand die Sensomotorische Körpertherapie nach Dr. Pohl®. Die Sensomotorische Körpertherapie nach Dr. Pohl® ist eine Körperpsychotherapie bestehend fünf ineinander greifenden manuellen und kognitiven Verfahren, die sich gegenseitig ergänzen und durchdringen.
- Pandiculations nach Thomas Hanna
- Aktive Myogelosen- oder Triggerpunktbehandlung
- Manuelle Bindegewebsbehandlung der Haut und Unterhaut
- Sensomotorische Übungen
- Körperbewusstseinstraining
Diese fünf Verfahren sind zu einem Gesamtkonzept verzahnt und in einen Gesprächskontext eingebettet. Durch sie sollen Dauerkontraktionen gelöst werden und der Patient lernen, achtsamer zu werden, sich besser wahrzunehmen und zu bewegen und sich als psychophysische Einheit zu verstehen. Der rote Faden ist dabei das Körperbewusstseinstraining, das alle anderen Verfahren durchzieht und mit Fortschreiten der Behandlung immer mehr in den Vordergrund tritt. Der Patient lernt dadurch, den eigenen Körper und seine Reaktionen zu spüren, seine unwillkürlichen Angewohnheiten im Alltag zu registrieren und zu ändern und auch in Belastungssituationen locker zu lassen. Eine rein verbale Psychotherapie kann sich anschließen.
Inzwischen führe ich seit langen Jahren eine psychotherapeutische Praxis mit Schwerpunkt Körpertherapie und behandle vor allem chronische Schmerzen und funktionelle Beschwerden, Bewegungsstörungen, Fehlhaltungen, Ängste und Depressionen, sowie allerlei mehr oder weniger ausgefallene Beschwerden ohne organischen Befund, auf die niemand sonst sich ein Reim machen kann (siehe »Behandelbare Beschwerden«).
1994 gründete ich das Körpertherapie-Zentrum in Starnberg bei München, um diese Arbeit auf eine breitere Basis zu stellen. Seit einigen Jahren finden hier auch Ausbildungen in Sensomotorischer Körpertherapie nach Dr. Pohl® statt (siehe Die Ausbildung«), so dass die Methode sich allmählich auch in ganz Deutschland und den angrenzenden Ländern verbreitet (siehe »Therapeutenliste«).
Mehr über die »Sensomotorische Körpertherapie nach Dr. Pohl®«.