Sensomotorische Körpertherapie nach Dr. Pohl
Sensomotorische Körpertherapie
nach Dr. Pohl®
Sensomotorische Körpertherapie nach Dr. Pohl
Sensomotorische Körpertherapie
nach Dr. Pohl®

Alles psychosomatisch?

Leicht gekürzt veröffentlicht in Natur und Heilen, 10, 2000

Zusammenfassung: "Psychosomatische Erkrankung" ist in Deutschland inzwischen die am häufigsten gestellte ärztliche Diagnose. Leider handelt es sich dabei oft um eine Ausschlussdiagnose, die nur besagt, dass man keine organische Erklärung für die Beschwerden des Patienten gefunden hat. Die betroffenen Patienten fühlen sich mit dieser Diagnose meist gründlich missverstanden. Denn jeder von ihnen empfindet seine Beschwerden ganz real und ganz körperlich.

Die Lösung könnte eine neue Sichtweise körperlicher und seelischer Vorgänge sein. Denn auch bei psychosomatischen Erkrankungen gibt es körperliche Befunde. Diese liegen als sensomotorische Störungen da, wo weder Medizin noch Psychologie sie suchen, nämlich in Muskulatur und im Unterhautbindegewebe. Sie verstärken sich in körperlichen wie psychischen Belastungssituationen.

Dem Charakter dieser Störungen entsprechend behandelt man in der Sensomotorische Körpertherapie nach Dr. Pohl® mit einer Kombination von manuellen, übenden, mentalen und natürlichen sensorischen Biofeedback-Verfahren, womit nicht nur die körperlich empfundenen Sensationen, sondern auch eventuell gleichzeitig vorhandene Ängste und Depressionen verschwinden können.

Gängige psychosomatische Theorien

Kürzlich stand in der Zeitung, "Psychosomatische Erkrankung" sei inzwischen in Deutschland die am häufigsten gestellte ärztliche Diagnose. "Schön", sagt da der aufgeklärte Zeitgenosse, "da beginnt also die Medizin endlich zu berücksichtigen,

welch großen Anteil psychische Faktoren am Entstehen körperlicher Krankheiten haben." "Gar nicht schön" meinen die Patienten, denen die Diagnose gestellt wurde. Denn jeder von ihnen empfindet seine Beschwerden als ganz real körperlich. Einer hat zum Beispiel Rückenschmerzen: er spürt doch ganz genau, dass ihn der Rücken schmerzt und nicht die Seele! Die nächste windet sich vor Bauchschmerzen und kommt sich verhöhnt vor, wenn man ihr mitteilt, das sei alles nur psychisch. Einem anderen ist so schwindlig, dass er sich kaum auf den Beinen halten kann. Soll er sich das alles nur einbilden? Das kann nicht sein, es muss eine körperliche Ursache für die Beschwerden geben. Und genauso reagiert die mit dem Harnverhalt und der mit dem übermäßigen Harndrang, die mit dem Kloß im Hals und der mit dem Herzstechen, die mit dem Kopfschmerz und der mit der Schlafstörung usw., usw.. Es muss eine körperliche Krankheit dahinter stecken und zwar wahrscheinlich eine ganz schlimme, denn sonst hätten sie niemals solche massiven Beschwerden. Diese Krankheit hat der jetzige Arzt nur noch nicht gefunden, also wendet man sich verzweifelt an den nächsten. So beginnt - von außen betrachtet - das "doctor-hopping" und - von innen betrachtet - eine Spirale von Angst, Verzweiflung, Wut und Unverstandensein. Das mündet in eine Arzt- und Klinikodyssee, die irgendwann in der Heilpraktikerpraxis oder in der Esoterikszene endet (womit aber meist die Beschwerden nicht enden).

Die Reaktion auf die Diagnose "psychosomatisch" ist so typisch, dass sie im ICD, dem offiziellen Diagnoseschlüssel, von Experten bereits zum diagnostischen Kriterium der "Somatoformen Erkrankungen" ernannt wurde, wie die psychosomatischen Erkrankungen ohne somatischen Befund inzwischen offiziell heißen.
Dort lesen wir: "Das Charakteristikum der somatoformen Störungen ist das wiederholte Darbieten körperlicher Symptome in Verbindung mit hartnäckigen Forderungen nach medizinischen Untersuchungen trotz wiederholter negativer Ergebnisse und Versicherung der Ärzte, dass die Symptome nicht körperlich begründbar sind." Und: "..widersetzt sich der Patient gewöhnlich den Versuchen, die Möglichkeit einer psychischen Ursache zu diskutieren; sogar bei offensichtlich depressiven und Angstsymptomen kann es sich so verhalten." In der Unterrubrik "Somatisierungsstörung" erscheint unter "Diagnostische Leitlinien" gleich als zweiter Punkt das Kriterium "hartnäckige Weigerung, den Rat oder die Versicherung mehrerer Ärzte anzunehmen, dass für die Symptome keine körperliche Erklärung zu finden ist."
Die Ablehnung der Diagnose durch den Patienten wird hier also geradezu zum diagnostischen Beweis. Man kann eine solche Schlussfolgerung allerdings auch für ein Zeichen von Unverständnis auf Seiten der Medizin halten, besonders wenn die "Diagnose" von Aussagen begleitet wird wie: "Da ist überhaupt nichts", "Das kann gar nicht weh tun". "Nun stellen Sie sich mal nicht so an." "Haben sie nicht die Midlife-Krise?" oder aber wenn der Betreffende gleich zum Psychiater weiter überwiesen wird.

Man beachte nämlich, wie solch eine Diagnose zustande kommt: Man untersucht den Patienten mit allen modernen Apparaten und der Laborchemie der heutigen Medizin und wenn sich dabei kein Befund erheben lässt, der vom als "normal" oder "gesund" geltenden abweicht, schließt man, dass die Beschwerden nicht körperlich verursacht sein können. Da aber die Betroffenen darauf bestehen, dass sie unter diesen oder jenen Beschwerden leiden, erklärt man kurzerhand "die Psyche" (was immer man darunter verstehen mag) als Verursacher, da ja sonst niemand da ist. Man hat nicht etwa "die Psyche" untersucht und festgestellt, dass mit ihr etwas nicht stimme (denn eine gesunde Psyche macht ja wohl keine körperlichen Störungen), noch zieht man in Zweifel, dass sich mit den gegenwärtigen Apparaten und Laborarbeiten jeder körperliche Vorgang erfassen lässt. Genau genommen müsste die ärztliche Auskunft nämlich heißen: "Mit meinen Apparaten konnte ich bei Ihnen nichts finden".
Somit lässt sich die Diagnose "psychosomatische Erkrankung" oft übersetzen mit "ich weiß auch nicht, was Ihnen fehlt" und ist ein Ausdruck der Hilflosigkeit der gegenwärtigen Medizin (sowie natürlich eine Widerspiegelung der Gestaltungsmöglichkeiten der ärztlichen Abrechnungssysteme gegenüber der Krankenkassen.)

Wenn die Diagnose "Psychosomatische Erkrankung" mehr als eine Ausflucht oder eine Verlegenheitsdiagnose sein soll, so müsste die psychische Seite mit berücksichtigt werden. Das ist die Domäne der Psychologen und vor allem der Psychoanalytiker. Hier heißt es, der Betroffene "somatisiere", d.h. er habe ein psychisches Problem, das er nicht sehe, nicht wahrhaben wolle und das sich daher körperlich bemerkbar mache. Wie das Somatisieren vor sich gehen soll, dafür gibt es verschiedene theoretische Modelle. Als erstes kam von Freud das Modell der "Konversion". Dabei soll psychische Energie in körperliche transformiert werden und der vom Bewusstsein abgespaltene Konflikt im Bereich der Sexualität symbolisch mit dem Körper dargestellt werden. Wie aber der Sprung von einem System ins andere - von der immateriellen Seele in den materiellen Körper - stattfinden soll, erklärt dieses Modell so wenig wie die nachfolgenden. Weder die "Projektion" von seelischen Konflikten auf den Körper noch die "Resomatisierung" noch die "zweiphasige Verdrängung" noch die "Alexithymie" können diesen Sprung erklären.

Nichtsdestoweniger hat das psychoanalytische Konzept der "Somatisierung" eine ungeheure Popularisierung erfahren und zwar gerade in den Ausprägungen, die einer empirischen Überprüfung am wenigsten standgehalten haben, nämlich der Persönlichkeits- und Konfliktspezifität. Hier meint man, aus einer bestimmten Erkrankung (ob nun mit oder ohne schulmedizinisch organischen Befund) auf eine bestimmte Persönlichkeit oder ein bestimmtes psychisches Problem rückschließen zu können. Allem und jedem wird eine bestimmte Bedeutung beigemessen. So wie früher Traumbücher im Schwange waren, wo man für jeden Trauminhalt eine bestimmte Bedeutung nachlesen konnte, so kann man heute in Büchern wie von DAHLKE "Krankheit als Symbol" nachschauen, welche Bedeutung welche Krankheit haben soll, was diese Krankheit uns "sagen" will, und was in unserem Seelenleben wir ändern sollen.

Da lesen wir dann z.B. unter dem Stichwort Fußpilz:
"Kontakt zu Mutter/Erde/Frau/Welt ist nicht sauber; ein in Vergessenheit geratener Konflikt um die eigene Standhaftigkeit will ins Bewusstsein zurückkehren und ausgetragen werden; zu schwach sein, sich seiner Haut zu wehren (schwache Abwehrlage); die eigenen Grenzbefestigungen (Haut) und Waffenarsenale (Krallen) werden von fremden Invasionstruppen besetzt, die anschließend darauf schmarotzen..." Und das Rezept, was man gegen Fußpilze tun kann, wird gleich mitgeliefert:
"Bearbeitung: Abwehr bezüglich der eigenen Standpunkte reduzieren; kompromiss- und kooperationsfreudiger werden, die Auseinandersetzung mit fremden Impulsen pflegen;. eigene, unbenutzte, nicht mehr benötigte, leblose, abgestorbene Bereiche für fremde Lebensimpulse öffnen; Frage des eigenen Parasitentums klären: "Wo schnorre ich mich durch?"
Besonders in der Esoterik-Szene gehört es zur fanatisch betriebenen Laienpsychologie, jeder Erkrankung und jedem Unpässlichsein derart eine symbolische Bedeutung zu unterstellen.

Das ist natürlich alles Unfug, denn biologische Vorgänge richten sich nicht nach Symbolisierungen. Letztere fügen wir Menschen hinzu. Aber auch die ursprünglichen psychosomatischen Modelle der Psychoanalyse vernachlässigen fast vollständig die Pathophysiologie - bis auf ALEXANDER, dessen konfliktspezifisches Reagieren des Sympathikus versus Parasympathikus sich aber nicht verifizieren ließ, und bis auf Wilhelm REICH, der zwar bei psychosomatischen Erkrankungen Muskelverspannungen beobachtete, diese aber auf einen nicht nachweisbaren Stau an sexueller Energie zurück führte. Leider fanden die empirischen Beobachtungen REICHs, dass es bei psychosomatischen Beschwerden Muskelverspannungen gibt, lange Zeit keinen Eingang in die weitere Entwicklung und Erforschung psychosomatischer Konzepte, was mit dem Ausschluss REICHs aus der Psychoanalytischen Vereinigung 1934 zusammenhängen mag. Der reale Körper aus Fleisch und Blut interessierte die Psychoanalyse lange Zeit nicht. Wenn , dann beschäftigte sie sich eher mit dem mentalen Bild, das der Betroffene von seinem Körper hat.

Das aber führt zu einer Wirklichkeitsverdoppelung. Denn:
Wenn die Bauchschmerzen psychosomatisch sein sollen, wo tut es dem Betroffenen dann weh? In der Seele? In dem, Bild das er von seinem Körper hat? In einem Geistkörper, der neben dem eigentlichen Körper existiert? In einem Körperschema im Hirn? (kaum möglich, denn im Hirn selbst gibt es keine Schmerzrezeptoren). Sind es Phantomschmerzen? Halluziniert der Betroffene? - Das alles soll natürlich nicht sein, aber wo ist der Schmerz denn dann und wie kommt die Schmerzwahrnehmung zustande?
Diese Frage ist im klassischen psychosomatischen Modell nicht beantwortbar, da es von offensichtlich falschen Prämissen ausgeht, nämlich der Trennung von Körper und Seele und der Annahme eines (meist einseitig ausgerichteten)
Ursachewirkungsverhältnisses zwischen beiden, und das auch nur im Störungsfalle. Niemand kann die Frage beantworten, wie die immaterielle Psyche im materiellen Körper Missempfindungen und Störungen hervorrufen kann.
Auch lerntheoretische Modelle, z. B. das "Shaping", sagen nichts darüber, wie der Schmerz in den Bauch kommt und beibehalten wird, da Schmerz ja ein aversiver Reiz par excellence ist, der eigentlich automatisch zu Vermeidungsverhalten führen müsste. Vermieden werden aber allenfalls Bewegungen und Umstände, die den Schmerz verstärken. Der Schmerz selbst kann nicht vermieden werden. Auch die Annahme, dass die Vorteile, die aus der Krankenrolle gezogen werden (der sekundäre Krankheitsgewinn), das negative Erleben des Schmerzes überwiegen und damit den Schmerz aufrechterhalten, erscheint in Anbetracht der Schwere des Leidens der Patienten nicht haltbar.

Auch bei psychosomatischen Beschwerden gibt es körperliche Befunde

Wenn uns all die psychosomatischen Modelle nicht weiterhelfen und wir dem Patienten seine körperlichen Missempfindungen weder ausreden noch ihm eine vernünftige Erklärung für diese Missempfindungen geben können, bleibt uns nichts anderes übrig, als die Trennung von "Körper" und "Seele", die sich auch in der Trennung von Medizin und Psychologie spiegelt, erst einmal aufzugeben und uns dem Patienten als lebendigem Organismus zuzuwenden. Denn nur der Patient kann valide Auskunft darüber geben, was sich in seinem Körper wie anfühlt. Er ist der einzige Spezialist auf dieser Welt für die Empfindungen seines Körpers.

Wir werden ihn also bitten: "Zeigen Sie mir doch bitte, wo Sie die Beschwerden empfinden und schildern Sie, wie sich das anfühlt". Daraufhin wird der Patient eine bestimmte Stelle auf seinem Bauch (oder Kopf oder Rücken oder wo auch immer) zeigen und er wird Beschreibungen abgeben wie: "Also, es ist ein ganz starker, stechender Schmerz, der blitzartig hier hinein fährt." oder: "Es ist wie ein Eisenring um den Brustkorb hier, der mich kaum atmen lässt." - "Es ist ein ziehender Schmerz, der von der rechten Schulter in den Kopf geht. Wenn es ganz schlimm wird, tut auch das Ohr weh." - "Bei dem Schwindel dreht sich alles vor meinen Augen, es kommt immer, wenn ich den Kopf drehe."- "Ein richtiger Schmerz ist es eigentlich nicht, aber es zieht so ganz unangenehm von den Nieren bis zur Leiste" usw., usw.. Dabei werden wir von jedem Patienten etwas andere Beschwerden hören. Anders als wir von ärztlichen Diagnosen her gewöhnt sind, gibt es oft offensichtlich ganz verschiedene Bauch-, Rücken- oder Kopfschmerzen oder andere Beschwerden.

Wenn wir weiterfragen, erfahren wir für gewöhnlich auch noch andere Beschwerden als diejenigen, die zur Konsultation führten, und das auch wieder unterschiedlich von Patient zu Patient. Der eine hat einen unbezähmbaren Harndrang, gleichzeitig oder alternativ hat er einen Druck auf dem Magen und zeigt dabei das Dreieck im Oberbauch zwischen den Rippenbögen, direkt unter dem Brustbein. Vielleicht hat er zusätzlich auch noch nächtliches Zähneknirschen. Die nächste Patientin hat unglaubliche Menstruationsbeschwerden, die sie jeweils mehrere Tage ans Bett fesseln. Sie zeigt dabei die Gegend, wo sie ihre Eierstöcke vermutet, wo sich in Wirklichkeit aber die Psoas-Muskeln befinden. Manchmal hat sie aber auch Kopfschmerzen, die vom Nacken hinter die Augen ziehen. Außerdem ist sie oft plötzlich so müde, dass ihr die Augen zufallen.

Auch die Kombination von Beschwerden ist wieder unterschiedlich von Patient zu Patient und lässt sich zu keiner Gesamtdiagnose zusammenfügen. Das bekommt der Facharzt natürlich nicht zu hören, denn zu ihm kommt man ja wegen der Blase, wegen des Kops, wegen der fachspezifischen Beschwerden und er will eine fachspezifische Diagnose stellen. Hören wir den Patienten dagegen unbefangen zu, hören wir individuelle Beschwerden, die sich ebenfalls individuell mit anderen Beschwerden zusammenfügen. Das eine oder das andere steht dabei im Vordergrund. Von einer üblichen Diagnose nach dem Schema "Ausschlag, Durchfall, Fieber, der und der Erreger im Blut nachweisbar macht zusammen die Krankheit X" sind wir Meilen weit entfernt.

Als Alternative zum Stellen einer Diagnose schlage ich vor, alles, was der Patient sagt, ganz ernst und ganz wörtlich zu nehmen. Lässt man sich nämlich genau die Stelle oder die Stellen zeigen, wo die Beschwerden auftreten und drückt probehalber auf eben diese Stellen, so wird man feststellen, dass man unter den Fingern Verhärtungen im Muskel und/oder im Bindegewebe / Faszien spürt. Außerdem wird der Patient ab einer gewissen Intensität des Druckes vor Schmerzen aufschreien. "Ja", sagt er "genau da ist es! Es ist, als wenn Sie mit einem Messer da hinein stechen". "Da ist ja genau mein Menstruationsschmerz" "Ja, genau, da tut mir der Rücken weh", "Genau von da kommt meine Übelkeit."

Wenn wir die Untersuchung weiter treiben, können wir die Beschwerden sogar von außen sehen oder hören: man kann sehen, wie sich der schmerzgeplagte Bauch bei der Atmung nicht mit bewegt, oder: der Bauch bewegt sich sehr wohl bei der Atmung, aber genau die Stelle, wo der Eisenring um den Brustkorb empfunden wird, bewegt sich nicht. Oder wir sehen, dass beim Gehen der schmerzhafte Rücken nicht mitgeht, sondern steif gehalten wird. Wir können hören, dass die Atmung durch die Nase offensichtlich nur mühsam und damit geräuschvoll erfolgt, oder hören und sehen, dass sie nur oben im Brustkorb und viel zu schnell erfolgt. Streicht man mit der Hand über die Körperpartien, wo die Beschwerden empfunden werden, kann man oft spüren, dass diese sich kälter als der übrige Körper anfühlen.

Wenn der Patient steht, kann man sehen, dass er nach vorne geneigt ist, wobei offensichtlich die Bauch- und Brustmuskulatur verkürzt sind, was man überprüfen kann, indem man diese Muskulatur betastet (sie fühlt sich hart an und ist druckempfindlich). Oder man sieht, dass der Patient im Hohlkreuz steht, und kann spüren, dass seine Rückenstrecker sich hart anfühlen und ebenfalls druckschmerzhaft sind. Diese ganze Diagnose geht ohne Apparate und ohne Labor. Es ist eine Kommunikation von einem menschlichen Organismus mit seinen Sinnesorganen zu einem anderen menschlichen Organismus mit seinen Sinnesorganen.

Als Ergebnis einer solchen Kommunikation können wir festhalten, dass der Schmerz oder die Funktionsstörung offensichtlich immer von verspannter Muskulatur und/oder verhärtetem Bindegewebe / Faszien der Haut- und Unterhaut ausgeht, so verschiedenartig die Lokalisation auch sein mag. Verspanntes, verhärtetes Gewebe bewegt sich nicht mehr oder kaum, da es ja immer im gleichen Spannungszustand bleibt. Bewegung aber ergibt sich aus dem rhythmischen Wechsel von Anspannung und Entspannung. Versuchen die Betroffenen, die harten Stellen zu bewegen, indem sie sie dehnen, verstärkt sich akut der Schmerz, denn sie reißen nun an verspanntem Gewebe, ohne dass dieses nachgeben würde, wie es normalerweise der Fall wäre. Beugt man sich zum Beispiel mit dem Oberkörper nach vorn, geben die Rückenmuskeln im Normalfall nach und werden länger. Sind sie aber in einer chronischen Dauerkontraktion, geben sie nicht nach, man kann sich nicht mehr soweit vorbeugen wie früher und ein Schmerz durchfährt einem. Ist umgekehrt die Bauchmuskulatur verspannt, geht man vornüber gebeugt und das Aufrichten oder gar Nachhintenbeugen ist erschwert. Das ist, selbst wenn keine akuten Beschwerden da sind, sichtbar und tastbar.

Die Körperwahrnehmung ist in Bezug auf die Lokalisation der Störung sehr präzise. Wenn man den Kranken die Stelle an seinem Körper zeigen lässt, wo seine Beschwerden auftreten, zeigt er haarscharf die Gegend, wo sich dann von außen Verhärtungen spüren lassen. Dabei kann es sich um einzelne Punkte, so genannte Myogelosen oder Triggerpunkte, oder ein mehr oder weniger ausgedehntes Gebiet handeln. Auch wenn der Patient es gar nicht so genau zu wissen meint, zeigt er die Stelle doch ganz genau, denn das Zeigen wird eher vom sensomotorischen Gedächtnis gesteuert als vom Vorderhirn, wo das verbale Wissen zu Hause ist.

Die Wahrnehmung des Außen als Innen

Nur in einem Punkt täuscht die sonst so präzise Körperwahrnehmung: wir nehmen äußere Vorgänge, die sich an der Peripherie abspielen, häufig als innere wahr. Bei Kopfschmerz meinen wir z. B. uns platzt der Schädel und zwar von innen. Ein anderer Schmerz wird tief innen im Gelenk empfunden, z. B. im Knie, im Ellenbogen, im Schultergelenk. Drückt man aber auf die Muskelansätze am Hinterkopf, am Knie, am Ellbogen, am Schultergelenk, sagt der Betroffene: ja, ja, das ist der Schmerz! Auch der Kloß im Hals, der als Druck- oder Fremdkörpergefühl an einer bestimmten Stelle innen im Hals wahrgenommen wird, geht auf Verhärtungen im Halsbindegewebe außen zurück. Und auch, wenn wir eine "innere" oder "seelische" Anspannung zu spüren meinen, nehmen wir in Wirklichkeit Spannungszustände in Muskeln und im Bindegewebe / Faszien wahr. Ja selbst beim so genannten Magenschmerz, oder dem Druck auf den Magen, der gewöhnlich im Epigastrium, also im Oberbauch zwischen den Rippenbögen gezeigt wird, kann man genau an dieser Stelle außen verhärtete Bindegewebs- und Muskelpartien finden (wobei sich der Magen übrigens gar nicht an dieser Stelle, sondern weiter links befindet, der Betroffene hat nur gelernt, das als Magenschmerz zu bezeichnen). Auch "Nierenschmerzen" gehen nicht selten von verspannter Rückenmuskulatur in der Nierengegend aus. Das gleiche gilt für viele Blasen- und Herzbeschwerden. Es bleibt dann häufig nichts anderes übrig, als den Patienten zu bitten: "Zeigen Sie mir doch bitte mal von außen, wo es innen weh tut." Löst man an all diesen Punkten die äußeren Verspannungen, verschwinden auch die Beschwerden "innen".

Der biologische Sinn dieser Abweichung in der Körperwahrnehmung ist mir bis jetzt nicht klar. Jedenfalls empfinden wir uns durch dieses Phänomen nicht als hohl, auch an den Stellen nicht, wo Organe sitzen, die wir nicht spüren können, wie das Hirn oder die Leber, da diese Organe keine Empfindungszellen besitzen. Werden trotzdem "Leberschmerzen" angegeben, finden sich die schmerzhaften Stellen natürlich wieder auf der Bauchdecke bzw. auf dem rechten Rippenbogen (oder da, wo der Patent meint, dass die Leber sich befindet).

Auf die Wahrnehmung des Außen als Innen ist eventuell vieles von unseren nicht immer richtigen Denkstrukturen in Bezug auf unseren Organismus zurückführen, insbesondere die Höherbewertung des Innen. Wenn wir der Seele überhaupt einen Platz in unserem Körper zugestehen und sie nicht nur für rein immateriell halten, dann in unserem Innern. Und zwar wohnt sie gewöhnlich auf der Vorderseite: in der Brust und/oder im Bauch - da nämlich, wo wir unsere Gefühle spüren. Wir sagen z.B. "Wie es tief in meinem Innern aussieht, geht niemanden etwas an." Oder: " wir kehren das Innerste nach Außen", wenn wir unsere geheimsten Gefühle anderen offenbaren. Die Seele auf Empfindungen der Skelettmuskulatur zurückzuführen, mutet allzu profan, ja blasphemisch an. Eventuell hat die Verschiebung der Körperwahrnehmung nach innen auch zu Fixierung der Medizin (inklusive der psychosomatischen Medizin) auf die inneren Organe geführt.

Muskeln und Bindegewebe, das sensomotorische, System gilt in der angewandten Medizin als quantité négligeable, obwohl es den größten Teil unserer Körpermasse ausmacht. Es gibt keinen Facharzt dafür, denn selbst der Orthopäde kümmert sich in erster Linie um das Innere, nämlich die Knochen. Und der Psychologe spricht abstrakt von Verhalten, das von inneren Motivationen bestimmt wird, ohne sich klar zu machen, dass jedes Verhalten eine Tätigkeit unseres neuromuskulären Systems ist. Ob wir nun gehen oder kriechen, ob wir schreiben oder umher schauen, ob wir sprechen oder essen, einen Wutanfall bekommen oder ihn zurückhalten, ob wir jemanden streicheln oder schlagen, ob wir niesen oder husten, was auch immer wir tun, wir tun es mit unseren Muskeln. Auch wenn wir auf jemandes "Charakter" schließen, können wir das nur aufgrund von Verhaltensweisen, die dieser jemand mit seinem neuromuskulären System ausgeführt hat.
Die wichtigste, weil lebensnotwendigste Bewegung ist zweifellos diejenige der Atmung. Beim Aussetzen dieser Bewegung sind wir innerhalb von wenigen Minuten tot, denn von ihr hängen alle übrigen Funktionen unseres Organismus ab. Sie wird nicht etwa von innen, von der Lunge, sondern von außen, von der Skelettmuskulatur ausgeführt.

Psychosomatische Vorgänge beim Kranken wie beim Gesunden

Wenn wir die Patienten dann fragen: "Was haben Sie denn beobachtet, wann und unter welchen Umständen werden die Beschwerden besser bzw. schlimmer?", dann hören wir Aussagen wie: "Also, bei Wetterwechsel ist es ganz arg, vor allem wenn es feucht-kalt wird"; "Tagsüber geht's ja, aber nachts wird es so schlimm, dass ich nicht schlafen kann.", "Morgens ist es am ärgsten, bis ich mich ein bisschen bewegt habe und unter der warmen Dusche war"; "Nach meiner Scheidung wurde es schlagartig besser"; "Nach Stress bei der Arbeit geht's mir besonders schlecht."; "Neulich hatte ich am nächsten Tag eine Auseinandersetzung mit meinem Chef vor mir, da war es besonders arg"; "Wenn ich meinen kleinen Enkel bei mir habe und mit dem schmuse und spiele, dann geht's mir besser." "Immer, wenn ich mich runterbücke, genau diese Bewegung mache, ist es nicht zum aushalten."; "Wenn ich etwas ganz schlechtes rieche, wird es auch schlimmer" usw..

Als Ergebnis unserer verbalen Kommunikation halten wir fest, dass es offensichtlich sehr heterogene Auslöser gibt, die den Zustand der Muskelkontraktion verschlimmern oder verbessern. Kälte, Unbeweglichkeit in der Nacht, atmosphärische Störungen, plötzliche Bewegung gegen die verspannte Muskulatur, auf all das reagiert der Organismus offensichtlich mit stärkerer Anspannung, während bei zärtlichem Körperkontakt und spielerischer Bewegung die Spannung eher nachlässt.

Wie aber verhält es sich mit der Bedingung "schlechter Geruch"? Ist das nicht Spinnerei? Und wie mit den Bedingungen "Stress in der Arbeit"; "erwartete Auseinandersetzung mit dem Chef"; "nach der Scheidung"? Ist das nicht doch psychosomatisch? Ja und nein. Nein, nach dem traditionellen Psychosomatikverständnis, denn die Beschwerden spielen sich keineswegs nur im Kopf oder in der Psyche des Betreffenden ab, sondern sind ganz genauso körperlich, wie die durch die physikalische Reize ausgelösten. Ja, wenn man mit dem Begriff psychosomatisch den Organismus wirklich als ganzen meint.

Dann können wir erkennen, dass der Organismus sich bei allem Negativem, was er via Sinnesorgan erlebt oder auch nur zu erleben erwartet, zusammenzieht, während er sich bei allem Positivem entspannt und ausdehnt. Dass wir überhaupt etwas als positiv oder negativ empfinden, liegt am empfundenen Spannungszustand der Muskulatur. Die Beschwerden der Patienten werden also genau unter den Umständen besser bzw. schlechter, unter denen wir auch im Normalfall bei uns allen eine stärkere Entspannung bzw. Anspannung der Muskulatur beobachten können. Man wird starr vor Schreck oder Angst, man bebt vor Wut, man setzt sich selbst unter Leistungsdruck, indem man die Muskeln stärker anzieht, als es zur Ausführung einer Aufgabe nötig wäre, wodurch es zu keinem Entspannen in der Bewegung mehr kommt. Umgekehrt lockert sich die Muskulatur bei Freude, Glaube, Liebe, Hoffnung, Vertrauen. Daher kommt es, dass wir auf rosa Wölkchen zu schweben meinen, wenn wir verliebt sind. Umgekehrt lässt sich mit angespannter Lippen-, Kiefer- und Stimm-Muskulatur keine glaubhafte Liebeserklärung abgeben.

Alle positiv erlebten Sinneseindrücke wie Wärme, Licht, melodiöse Laute, Duft, gutes Essen, sanfte Berührung, harmonische Bewegung sind mit Entspannung und Wohlgefühl verbunden und das gilt auch für die Erwartung positiver Erlebnisse. Aus letzterem erklärt sich wahrscheinlich der Placebo-Effekt. Umgekehrt wappnen wir uns mit der Muskulatur gegen alles unangenehme, das wir erleben, d.h. mit unseren Sinnesorganen erfahren: Verletzung, starker Druck oder Zug, Schmerz, Lärm, Kälte, starke Hitze, grelles Licht, ein abscheulicher Anblick, ekelhafte Gerüche und Geschmacksempfindungen und eben auch schon bei der Erwartung, der Vorstellung solcher Sinnesempfindungen. Ein gutes Beispiel für letzteres ist der Besuch beim Zahnarzt: noch lange bevor die schmerzhafte Spritze sticht, das grässliche Bohrgeräusch zu hören ist, sitzen wir total verspannt im Zahnarztstuhl und umklammern die Lehnen mit den Händen, manchmal so stark, dass die Knöchel weiß werden. Aber auch, wenn wir an der Tür des "bösen" Nachbarn vorbeigehen, werden wir, wenn wir uns selbst genauer beobachten, feststellen, dass wir uns am ganzen Körper anspannen.

Die Vorstellung - diese blassere Schwester der Sinneswahrnehmung - aktiviert die Spannungsmuster des neuromuskulären Systems und gibt daher die gefühlsmäßige Vorahnung von dem, was kommen wird. Der Neurologe DAMASIO meint sogar, dass wir (kognitive) Handlungsentscheidungen auf der Basis solcher körperlicher Empfindungen treffen. Die Entscheidung "Gehe ich zu Tante Ida oder nicht" hängt also nicht nur von den rationalen Gründen ab, die ich dafür oder dagegen habe ("schon lange nicht mehr da gewesen"), sondern auch von den Empfindungen, die ich bei einem vorgestellten Besuch bei ihr in meinem Körper habe.

Auch unsere Handlungsvorhaben finden im neuromuskulären System statt, d. h. man braucht nur den Arm heben zu wollen, ihn noch gar nicht gehoben haben, schon ist eine kleine, aber messbare Spannung im Arm. Jede mit einem "Ich möchte" verbundene Handlung wird automatisch mit lockereren, unverkrampfteren, harmonischeren Bewegungen durchgeführt als solche Handlungen, die mit einem eigenen, wenn auch oft von außen übernommenen "Du musst!", oder "Streng dich an", oder "reiß dich zusammen!" einher gehen, denn bei letzteren schaffen wir gleichzeitig einen muskulären Widerstand, den man den Bewegungen anmerkt. Man kann sich ausmalen, was das für körperliche Konsequenzen hat, wenn man, wie bei Stress üblich, ständig meint, alles auf einmal tun zu müssen.

Kontraktion als Rückzug, Selbstschutz, sich panzern, verbunden mit einem unangenehmen Gefühl, und Entspannung als Weitwerden, sich öffnen und zuwenden, verbunden mit einem positiven Gefühl, kommen nicht nur beim Menschen vor, sondern sind Grundmechanismen des Lebens. Man kann sie z. B. an Haustieren beobachten. So ist die Katze weich und schmiegsam, wenn sie schnurrt, sich offensichtlich wohl fühlt, wird aber hart und sperrig, wenn sie sich mit einer dominanten anderen Katze konfrontiert sieht. Die Schnecke ist weich und ausgedehnt, solange sie vor sich hin kriecht oder frisst. Sie wird hart und zusammengezogen, sobald man ihr auf die Fühler tupft. Ja selbst in der Pflanzenwelt scheint es nicht anders zu sein: auch das Gänseblümchen kontrahiert sich nach innen und macht dicht, wenn der Himmel sich bedeckt, Nässe und Kälte kommen - und es öffnet sich wieder und streckt sich dem Licht und der Wärme entgegen, wenn die Sonne wieder scheint. Sogar bei Einzellern wie Amöben können wir den gleichen Vorgang beobachten: wenn die Umgebungsreize von der Amöbe als irgendwie unangenehm empfunden werden, zieht sie sich in sich zusammen und von dem Reiz zurück, während sie sich andererseits wieder ausdehnt, wenn ihr Reize angenehm zu sein scheinen und sie sich auf diese zu bewegt.

Jedes dieser Lebewesen hat offensichtlich schon Rudimente eines Gefühlslebens, d.h. es hat eine Sensorik und eine Motorik, die ihm sagen können, ob bestimmte Reize für seinen Organismus zuträglich sind oder nicht und was es demnach zu tun hat. Irgendetwas muss der Organismus spüren, um Reize als angenehm oder unangenehm einordnen zu können. Je differenzierter das Lebewesen, desto differenzierter auch seine gefühlsmäßigen Reaktionen. Bei Katzen und Hunden z. B. kann man eine ganze Palette unterschiedlicher Gefühlsreaktionen wahrnehmen. Wir nehmen sie wahr als unterschiedliche Körperspannungs- und Bewegungsmuster.

Ebenso verfahren wir bei unseren Mitmenschen und bei uns selber und verstehen Gefühlsäußerungen unmittelbar. Wir hören am Klang der Stimme (der von Spannungszuständen der Rumpf- und Halsmuskulatur erzeugt wird), ob jemand wütend, deprimiert oder gut gelaunt ist. Wir sehen an der Mimik, Gestik, Körperhaltung und Bewegung, wie jemand "drauf ist". Wir brauchen das nicht zu lernen, vielmehr ist das meiste angeboren. Auch wenn wir manches nicht explizit wissen, so würden uns doch Äußerungen wie "jemand macht einen Luftsprung vor lauter Traurigkeit" oder "er lässt vor lauter Freude den Kopf hängen" absurd vorkommen. Wir wissen genau, dass das nicht stimmen kann.

Auch an uns selbst können wir unterschiedliche Spannungsmuster als Gefühle registrieren. Unsere Körperwahrnehmung ist im Allgemeinen aber längst nicht so geschult und damit bewusst, differenziert und artikuliert wie die Wahrnehmung durch unsere anderen Sinne, insbesondere diejenige durch die Augen. Subtilere Empfindungen als Schmerz oder Hunger entgehen leicht unserer bewussten Wahrnehmung, zumal wir kaum Namen für sie haben und es uns selbst häufig nicht klar ist, dass es sich um Körpersinnesempfindungen handelt. Wir überspüren viel mehr als wir übersehen und zwar in einem solchen Ausmaß, dass es das Wort "überspüren" eigentlich gar nicht gibt. Daher setzen wir im Alltag z. B. Essen oder Alkohol zur Spannungsreduktion ein, können meist aber erst nach Schulung der Selbstwahrnehmung sagen, dass dem so ist.

Psychosomatik der Angst und Depression

Es ist uns zwar von der Wissenschaft jahrelang eingeredet worden, dass unsere Gefühle nur im Hirn ablaufen, wenn wir aber jemanden fragen: "Wo fühlst du das denn, wenn du Angst hast?" , wird jeder, wenn er sich das vorzustellen versucht, auf die Vorderseite seines Rumpfes deuten: oft in Herznähe, manchmal auch auf den Bauch, seltener auf den Hals, manchmal auf die ganze Vorderpartie. Und genau da sitzen seine Hauptverspannungen, wenn er zu Angstanfällen neigt. Keiner empfindet Angst am unteren Rücken, am Knie oder am kleinen Finger und auch nicht im Kopf, obwohl er vielleicht sagt, dass ihm angsterfüllte Gedanken durch den Kopf jagen, aber das eigentliche "Angstgefühl" empfindet er nicht dort. Gefühle sind also etwas, was wir fühlen, und zwar in unserem Körper, nirgends sonst ist es möglich. Das Hirn ist gewiss bei der Erzeugung und Erkennung von Gefühlen beteiligt, aber spüren können wir dort nichts, denn das Hirn selbst hat keine Sinneszellen. Es kommuniziert mit den Sinneszellen, die über den Körper verteilt sind. Wie zur Gefühlswahrnehmung brauchen wir das Hirn auch zur Sehwahrnehmung, doch ohne Augen wären wir blind.

Auch bei der Depression wird das zentrale Gefühl, nämlich das der Bedrückung, auf der Vorderseite des Körpers gezeigt, meist ist der obere Brustkorb vorn das Zentrum. Deshalb sieht man auf alten Stichen, die nächtliches Albdrücken darstellen, den Alb immer genau auf dieser Stelle sitzen. Er sitzt nie auf der Wange oder auf dem Bein.

Gleichwohl spürt man die Angst und die Depression aber am ganzen Körper, denn es kommt dabei zur Anspannung der gesamten Beugemuskulatur, was manchmal bis in die Finger und Zehen spürbar und sichtbar ist. Die Streckmuskulatur, hauptsächlich im Rücken und Nacken, muss sich zusätzlich anspannen, um uns in diesem allseits gebeugten Zustand in der Schwerkraft noch einigermaßen aufrecht zu halten. Außerdem kann es bei Angst und Depression im gesamten Körper zu weiteren Missempfindungen und -funktionen kommen und zwar durch Veränderung der Atmung. Durch die Verspannung auf der Vorderpartie ist bei beiden Störungen die Atmung vom Volumen her eingeschränkt. Bei der Angst wird infolgedessen viel zu schnell geatmet und es kommt infolge der Hyperventilation (bei gleichzeitigem Gefühl, nicht genügend Luft zu bekommen) zu vasomotorischen Störungen: Herzrasen, Kniezittern, Schwindel, kalte, nasse und zittrige Hände, eine "Mattscheibe" im Hirn usw.. Jeder, der bereits einen akuten Angstanfall hatte, wird bestätigen, dass Angst ein eminent körperlicher Vorgang ist. Manche erkennen das Geschehen gar nicht als Angst, sondern spüren nur einen als äußerst bedrohlich erlebten körperlichen Vorgang. "Meine Zustände" war der Ausdruck einer Patientin dafür.

Auch bei der Depression ist das Atemvolumen eingeengt, es wird aber dabei sehr langsam und flach geatmet, insgesamt also viel zu wenig. Dadurch sind vermutlich die Muskeln so unterversorgt mit Sauerstoff, dass jede Bewegung, jede Unternehmung unendlich mühsam wird. Alle Glieder sind bleiern schwer, so dass schon das Aufstehen zur riesigen Anstrengung wird. Das Denken ist so langsam, mühsam und unkreativ wie alle Bewegungen.

Dass Ängste und Depressionen relativ häufig in Zusammenhang mit "psychosomatischen" Krankheiten auftreten, ist unmittelbar einsehbar, da beide ja auf Verspannungen basieren. In dieser Sichtweise sind die körperlichen Beschwerden keinesfalls nur "Symptom" einer "dahinter liegenden" Depression oder "Äquivalente" eines Angstzustandes. Vielmehr werden körperliche Beschwerden ohne organmedizinischen Befund, Angstzustände und Depressionen als häufig korrelierende Störungen gesehen.

Unsere Vorderseite, insbesondere der vordere Brustkorb, kann als Zentrum unseres Gefühlslebens gelten. Hier deuten wir hin, wenn wir "ich" zeigen wollen. In dieser Gegend empfinden wir nicht nur Angst, Depression, Liebeskummer, Freudlosigkeit bei Anspannung, sondern auch Freude, Liebe, Glück und Erleichterung bei Entspannung. Daher kommen Redewendungen wie "Mir geht das Herz auf" oder "mir fällt ein Stein vom Herzen" (wenn die Anspannung dort plötzlich nachlässt). Insgesamt wird häufig in dieser Gegend das Gefühl oder die Seele angesiedelt. Das griechische Wort "Psyche" heißt eigentlich "Hauch", "Atem". Als Sitz dieser Psyche, dieses Vorgangs, nahmen die Griechen das Zwerchfell an. Später wurde das Herz als das Zentrum das Seelen- und Gefühlslebens angesehen, wohl auch, weil die Menschen schon immer gespürt haben, dass sich der Herzschlag je nach affektiver Befindlichkeit ändert (und natürlich, weil außen als innen wahrgenommen wird).

Nur Wut, Ekel, Verachtung, die Leistungsreaktion, in "Hab-acht-Stellung"-sein, Standhalten, forcierte Selbstbehauptung gehen hauptsächlich über eine Anspannung der Rückenmuskulatur. Immer aber nehmen wir Gefühle über die Rumpf- (und damit über die Atmungs-)muskulatur nicht über die Extremitäten wahr, auch wenn wir vor Wut aufstampfen könnten. Wer also einen Druck, einen Schmerz, ein Taubheitsgefühl beispielsweise am Knie oder an der Hand empfindet, wird sich primär nicht psychisch beeinträchtigt fühlen.

Die Ent-Dinglichung der Seele

Da immer unser gesamter Organismus agiert und reagiert (man kann das nicht nur am muskulären Spannungszustand feststellen, sondern gleichzeitig an allen möglichen physiologischen Variablen), ist die Aussage, jemand "somatisiere", wenn er organmedizinisch nicht fassbare Beschwerden entwickelt, eigentlich nicht haltbar. Denn das würde voraussetzen, dass die Gefühle und Vorstellungen des "Normalen" oder Gesunden sich nicht körperlich manifestieren, sondern rein "psychisch", immateriell blieben, und dass dies das erstrebenswerte oder "reife" Verhalten wäre.

Für das Umdenken in der Psychosomatik ist erforderlich, die "Psyche" nicht mehr als Entität zu sehen, sondern sie aufzulösen in verschiedenen Funktionen des Organismus, wie z. B. FELDENKRAIS das getan hat. Jeder Zustand des Menschen hat demnach, solange er lebt, mindestens vier Aspekte: Wahrnehmen, Bewegen, Fühlen und Denken. Diese verursachen sich nicht gegenseitig, sondern sind sozusagen verschiedene Seiten der gleichen Medaille. Ist der Organismus beispielsweise freudig gestimmt, so ist sowohl die Wahrnehmung freudig getönt, wie auch die Bewegung, das Fühlen und das Denken.

Dabei könnte man Gefühl als Unterform der Sinnesempfindung subsumieren, während es sich bei der Wahrnehmung um eine Sinnesempfindung mit Kognition handelt. Oft werden Empfindung, Bewegung und Kognition noch ergänzt durch die Vorstellung. Die Vorstellung ist sozusagen ein lebendiges Abbild, das sich als Niederschlag unserer Sinnesempfindung entwickelt hat und das wir in der Phantasie noch verändern können. Wir können uns also vorstellen, wie etwas aussieht, sich anhört, sich anfühlt, wie etwas riecht oder schmeckt, und wir reagieren dann mit dem ganzen Körper entsprechend. Der Organismus bereitet sich darauf vor, den als angenehm vorgestellten Reiz in sich hineinzulassen (z.B. läuft uns das bei der Vorstellung eines leckeren Essens das Wasser im Mund zusammen, während wir bei der Vorstellung eines guten Geruchs die Nasenflügel weiten und langsam und tief atmen. Umgekehrt bei Vorstellung unangenehmer Sinneserfahrung: der Körper panzert und verschließt sich gegen die Aufnahme dieser Reize ("Mir wird schon übel, wenn ich nur dran denke!").
Unser größtes, vielfältigstes aber auch am wenigsten bewusst beachtetes Sinnesorgan sitzt nicht etwa in den Augen, den Ohren oder im Mund, sondern in Gestalt von Sinneszellen in unseren Muskeln, Knochen, Sehnen und in der Haut und im Bindegewebe / Faszien Es handelt sich um Sinneszellen, die Druck-, Zug- und Temperaturunterschiede registrieren, die zum einen durch äußere Reize zustande kommen, zum anderen durch Bewegungen unseres sensomotorischen Systems, die mit bestimmten Gedanken, Vorstellungen und Vorhaben und Wahrnehmungen durch andere Sinnesorgane einher gehen. Die Empfindungszellen in unserem sensomotorischen System liefern uns die Botschaft "angenehm" oder "unangenehm" oder auch "leicht" bzw. "anstrengend", "mühsam" usw.

Offensichtlich können alle Arten von Sinneswahrnehmungen (spüren, sehen, hören, riechen, schmecken) Bewegungen bzw. Bewegungsunterbrechungen oder -einschränkungen auslösen und steuern, die dann als angenehm oder unangenehm empfunden werden. Beim Schreck - ob nun auf ein plötzliches, lautes Geräusch oder auf einen bedrohlichen Anblick oder auf eine plötzliche Verletzung hin - zucken wir immer mit dem ganzen Körper zusammen. Und wir können nicht sagen, ob der Schreck nun ein körperlicher oder ein seelischer Vorgang ist, denn wir spüren ihn im gesamten Organismus. Nicht das erschreckende Ereignis selbst ist unangenehm, sondern das plötzliche Zusammenziehen der Muskulatur lässt uns uns unangenehm fühlen.

Ebenso wenig wie wir Gefühle im Hirn wahrnehmen, ebenso wenig spüren wir übrigens die ganzen Hormone und Botenstoffe, die mit unseren Gefühlen einhergehen. Nicht das Adrenalin selbst lässt uns z. B. aufgeregt fühlen, sondern wir spüren den beschleunigten Ablauf unserer körperlichen Funktionen, der Bewegungen in unserem Körper.

Sieht man Bewegungen als Schwingungsvorgänge, kann man sagen: unwohl fühlen wir uns, wenn die Amplitude der Bewegung eingeschränkt ist, die Muskeln also so angespannt sind, dass sie sich nur eingeschränkt bewegen können, während wir uns wohl fühlen, wenn die Muskeln entspannt sind und wir uns frei bewegen können (vor allem uneingeschränkt atmen können, auch wenn wir uns sonst nicht bewegen). Ein weiteres Charakteristikum der Bewegung ist die Frequenz. Eine Erhöhung der Frequenz nehmen wir auf der Erlebensseite als Ansteigen der Erregung oder des arousals wahr. Je nach Kombination dieser beiden Faktoren - Amplitude und Frequenz - gibt es mindestens zwei Arten von Wohlgefühl bzw. Mißempfindung: bei Entspannung und geringem arousal spüren wir inneren Frieden, Heiterkeit, In-uns-Ruhen bis zur wohligen Müdigkeit. Bei Entspannung und hohem arousal spüren wir Freude, ein angenehmes Aufgekratztsein, Energie und Tatendrang. Anspannung und geringes arousal empfinden wir dagegen als bleierne Müdigkeit, Erschöpfung, Depression. Anspannung bei hohem arousal wird dagegen als Angst, Aufgeregtheit, Nervosität oder als das Gefühl, platzen zu müssen, wahrgenommen. Die Sensomotorik der Kopfsinnesorgane synchronisiert sich mit der Sensomotorik des Körpers in Amplitude, Frequenz und Rhythmik. Daher sind bei Schreck z.B. nicht nur unsere Augen starr, sondern auch der ganze Körper, wir halten vor Schreck die Luft an und es verschlägt uns dadurch die Sprache.

All diese Gemütsbewegungen sind nicht etwa bloß Ausdruck einer inneren Befindlichkeit, sondern es gäbe die Befindlichkeit ohne die Bewegung nicht. Es ist also nicht so, dass der Stress, unter dem wir stehen, muskuläre Anspannung in unserem Körper verursacht, und ebenso wenig tut das die Angst. Vielmehr können wir Stress oder Angst nur spüren, wenn ein bestimmtes Spannungsmuster unserer Muskulatur vorliegt, und wir können so fest verspannt sein, dass wir keine Freude mehr empfinden können. Spüren und Bewegen sind zwei Seiten des gleichen Lebensvorgangs: ohne Bewegung kein Spüren, ohne Spüren kein Bewegen. Mit allen Sinnesorganen können wir nur Änderungen wahrnehmen. Diese Änderungen, diese Unterschiede ergeben sich aus der Bewegung. Selbst bei statischen Objekten ist z.B. das Auge ständig in Bewegung, um die einzelnen Punkte und Konturen sozusagen abzutasten. "Sentio - ergo sum" setzt der Evolutionsbiologe HUMPHREY dem DESCARTESschen "Cogito - ergo sum" entgegen und meint mit "sentio" einen aktiven Vorgang, die Einheit von Empfinden und Bewegen. Die Frage, ob nun Henne oder Ei zuerst da war, erübrigt sich.

Besonders empfindlich reagieren wir offenbar von Natur aus auf Reizkonstellationen, bzw. hörbare, sichtbare oder spürbare Bewegungen, die von Vertretern unserer eigenen Spezies, von anderen Menschen ausgehen. Daran liegt es, dass wir uns gleich wohler fühlen, wenn uns jemand ein Lächeln schenkt. Unwillkürlich lächeln wir nämlich zurück, was ein entspanntes Wohlbehagen bei uns auslöst. MALMO, ein Pionier der Erforschung der Zusammenhänge von neuromuskulären und stimmungsmäßigen Vorgängen, ließ den Versuchsleiter am Ende einer Untersuchung die Versuchsperson loben. Das hatte zur Folge, dass sich die Muskeln der Versuchsperson entspannten. Als man daraufhin auch den Muskeltonus des Versuchsleiters beim Aussprechen des Lobes maß, stellte man fest, dass auch dieser gesunken war. Umgekehrt reagieren wir natürlich, wenn uns jemand anschreit, schlägt oder uns ein wutverzerrtes Gesicht zeigt, mit Anspannung der Muskulatur. Auch diese zwischenmenschlichen Interaktionen funktionieren nach einiger Erfahrung schon in der Erwartung, in der Vorstellung, wenn uns diese Vorgänge auch häufig nicht bewusst werden. Auch mit Tieren, die ähnlich wie wir agieren und reagieren, können wir uns emotional noch gut verständigen. Wir verstehen auf diese Weise nicht nur Menschenaffen, sondern reagieren auch psychosomatisch auf das Knurren oder das freudige Emporspringen eines Hundes oder auf das Fauchen, Schnurren oder Schmusen einer Katze. Nur so ist es zu erklären, dass man in USA Menschen mit Bluthochdruck und Herz- und Kreislaufgefährdung mit gutem Erfolg Haustiere verordnet hat.

Auch subtile, rein psychisch erscheinende Vorgänge sind in Wirklichkeit noch psychosomatisch, so z. B. die Identifikation. Von einer Identifikationsfigur übernehmen nicht nur die Meinungen und Standpunkte, sondern auch die Mimik, Gestik und Haltung. Auch das geschieht meist unwillkürlich. Sehen wir z. B., wie jemand verletzt wird, zucken wir zusammen, als müssten wir selbst uns instinktiv gegen eine solche Verletzung schützen. Oft kommt es unbewusst zur Übernahme von Bewegungs- und Gefühlsmustern. Es ist z. B. nahezu unmöglich, samstags in einer deutschen Fußgängerzone nicht zu hetzen und sich auch entsprechend zu fühlen, da man dem Sog, es den anderen Menschen gleich zu tun, kaum entkommen kann. Während man umgekehrt in einem griechischen Dorf sich leicht tut, ruhig, gelassen und langsam daher zu schlendern und sich auch so zu fühlen. Wirklich erholsam so ein Urlaub!
In letzter Zeit wurden die Spiegelneuronen als neurologisches Korrelat dieser Reaktionen entdeckt.

Die Entstehung und Auswirkung von Dauerkontraktionen

Wenn es aber so ist, dass "Körper" und "Seele" tatsächlich immer eine Einheit sind und sich daher auch nicht gegenseitig verursachen, was unterscheidet dann den, der Beschwerden hat, von dem, der unbeschwert dahinleben kann?

Die Antwort ist sehr einfach: der Unterschied liegt in der Dauer und in der Intensitätsveränderung. Gefühle, Sinnesempfindungen inklusive Schmerz, sind gespürte Spannungsmuster der Muskulatur und des Bindegewebes. Sie sind im Allgemeinen flüchtig und vorübergehend. Sie beziehen sich auf momentane Gefahren- oder Vorteilsmomente und gehen mit diesen vorüber. Sie bewirken z. B., dass wir nicht blind in unser Verderben rennen, sondern dass wir schon vorher spüren, was für uns gefährlich wäre. Sie lassen uns sofort in unserer normalen Aktivität innehalten, unterbrechen also die fortlaufende Bewegung, und lassen uns dann eine neue, den veränderten Umständen angepasste Bewegung aufnehmen. So ist z.B. die Erhöhung der Atemfrequenz und die Kontraktion der Beugemuskulatur bei Angst die beste Voraussetzung zur Flucht, d.h. zum Davonlaufen (deshalb startet auch der Profiläufer aus einer geduckten Stellung), während die Erhöhung der Atemfrequenz und -amplitude sowie die Kontraktion der Rücken- und Beinstrecker sowie der Arm- und Fingerbeuger bei Wut die beste Voraussetzung zum Kampf, d.h. zum Schreien und Losschlagen ist.

Wenn die Gefahrenmomente, die uns erstarren lassen, aber sehr intensiv sind und /oder nicht aufhören oder sich nicht abstellen lassen oder die vorbereitete Bewegung unterbleibt, können wir nicht anders, als unsere Muskulatur dauernd angespannt zu halten. In bestimmten Körperteilen kommt es mehr oder weniger zur Erstarrung, zum Aussetzen der Bewegung, dadurch sind sie schlechter durchblutet und durchlympht, dadurch schlechter ernährt und weniger von Stoffwechselabbauprodukten gereinigt. Dieser Prozess der Erstarrung und Verhärtung kann sowohl die Muskulatur wie auch das Bindegewebe / Faszien betreffen. Eine Verhärtung des Bindegewebes führt ebenfalls zur Unbeweglichkeit der darunter liegenden Muskulatur.

Dauerkontraktionen entstehen häufig im Anschluss an Verletzungen, inklusive Operationen (die der Organismus natürlich auch als massive Verletzungen registriert). Sie machen sich oft erst Monate oder Jahre später bemerkbar, da das Gewebe mit der Zeit immer mehr verhärtet, immer undurchlässiger wird. Zu solchen Verletzungen zählen nicht nur offene Wunden (so führten z. B. Schussverletzungen im Krieg regelmäßig zu nachfolgenden Dauerverspannungen), sondern auch Prellungen, Brüche (hier sind neben dem Knochen immer auch die Weichteile verletzt), Schleudertraumen, Vergewaltigungen und sonstige Misshandlungen.

Die zweite Möglichkeit der Entstehung von Dauerkontraktionen sind Fehlhaltungen. Wie wir weiter oben gesehen haben, können diese aus emotionalen Gründen entstehen. Wenn wir uns z. B. in ständiger ängstlicher Erwartung befinden, sind wir schließlich auch immer vornüber geneigt, halten die Schultern ständig hochgezogen, den Kopf nach vorn und in die Schultern gezogen. Das kann dann zu Nackenschmerzen, Magen- und Bauchbeschwerden, aber (via Atmungseinschränkung) auch zu Kraftlosigkeit und depressiven Gefühlen führen. Das gleiche lässt sich aber durch "dumme" Angewohnheiten erreichen. Am stärksten verbreitet ist zur Zeit die dumme Angewohnheit, den Bildschirm des Computers so niedrig anzubringen, dass man den ganzen Tag gekrümmt davor sitzt. Ein weiteres sehr verbreitetes Beispiel ist, die Schulter hochzuziehen, sobald man mit der Hand etwas zu tun hat. (Tennis spielen, schreiben, ein Mu-sikinstrument spielen etc.) Das führt zunächst zum Schulterschmerz, später häufig auch zu Beschwerden in den Armen und Händen. "Brust raus - Bauch rein" ist mit Abstand die dümmste, weil ungesündeste aller Angewohnheiten. Die Ursachen solcher haltungsbedingter Beschwerden lassen sich ebenfalls durch einfache Selbst- und Fremdbeobachtung beim Tun feststellen (sie offenbaren sich nicht im Röntgenbild und nicht in der Kindheitsanamnese).
Die dritte Möglichkeit zur Entstehung von Dauerkontraktionen besteht im Bewegungsmangel. Nicht nur, dass unsere Muskelmasse schwindet, wenn wir uns weniger bewegen (dieser Umstand wird ja von allen Fitnessstudios angeprangert und ausgeschlachtet), nein, sie versteift auch, was gesundheitlich viel schlimmer ist. Leicht sichtbar ist das an Gliedmaßen, die längere Zeit in Gips waren. In großer Regelmäßigkeit findet man hier steife, verhärtete (wenn auch verkümmerte) Muskeln und ebenso Bindegewebsverhärtungen. Durch die verletzungsbedingte Fehlhaltung setzt sich die Dauerkontraktion auch in den übrigen Körper fort (siehe oben). Daher sind alle Arten von Schienen, Korsetts und Schanzschen Kragen das Dümmste, was man sich in der Behandlung von Schmerzen und Bewegungseinschränkungen antun kann. Aber auch das normale Leben eines Couch-Potatoes führt irgendwann zu Steifheit, Schmerz, schlechtem Allgemeinbefinden und schlechter Stimmungslage, sowie zu allerlei Zipperlein, die sich zu massiven Beschwerden auswachsen können.

Biochemische Faktoren wie Bakterientoxine, Nahrungsstoffe (bekanntestes Beispiel Magnesium-Mangel) und Hormone beeinflussen natürlich ebenfalls den Spannungszustand von Muskulatur und Bindegewebe/Faszien. Sind bereits zuvor Dauerkontraktionen vorhanden, kann das Hinzutreten dieser Faktoren dazu führen, dass die Schmerzschwelle überschritten wird. Das kann sich dann z. B. als Gliederschmerzen bei Grippe, nächtliche Wadenkrämpfe oder Menstruationsbeschwerden bemerkbar machen, wobei letztere an sehr unterschiedlichen Stellen lokalisiert sein können - eben da, wo die Verspannung jeweils sitzt.

Das Dumme ist, dass diese - wie auch immer entstandenen - Dauerkontraktionen eine Tendenz zur Überreaktion und zur Ausbreitung haben. Das dauerkontrahierte Gewebe nämlich reagiert überempfindlich auf alle die bereits erwähnten als negativ empfundenen Sinneswahrnehmungen. Wir haben bereits erfahren, dass die Betroffenen aufschreien, sobald der Druck der Berührung ein gewisses Ausmaß überschreitet, was sie an anderen Stellen des Körpers überhaupt nicht als unangenehm empfinden, d. h. das Gewebe ist nun überempfindlich auf Druck sowie auf andere Faktoren, die wir als unangenehm empfinden: Kälte, Lärm, Leistungsdruck, bestimme Gerüche und Geschmacksnuancen, aggressive Laute und Bewegungen usw.

Die Überempfindlichkeit des Gewebes lässt sich als Lernen verstehen. Bereits geringe negative Reize lösen jetzt an den Stellen, wo negative Erfahrungen stattgefunden haben, starke Kontraktionen, starke Schmerzreaktionen hervor. Daher schmerzen die betroffenen Stellen, wenn man stärker auf sie drückt, während man bei Gewebe, das keine solch negativen Erfahrungen gemacht hat, nur einen Druck spürt. Je nach Lage der empfindlich gewordenen Stelle bekommt der eine jetzt bei Stress Bauchschmerzen, während ein anderer eher mit Kopfschmerzen reagiert. Wenn also der Nacken durch ständige ängstliche Erwartung, durch ein Schleudertrauma oder durch falsche Arbeitshaltung bereits vorgeschädigt ist, indem er sich nämlich in Dauerkontraktion befindet, reagiert er um so empfindlicher auf einen Windzug, einen Wetterwechsel, einen Ärger usw., d.h. er schmerzt dann um so heftiger und zieht sich um so mehr zusammen. Man kann darin eine Art Körpergedächtnis für Negatives sehen.

Aus der Unkenntnis dieser Vorgänge erklärt sich viel vom ärztlichen Unverständnis bei der Behandlung solcherart vorgeschädigter Patienten. Wenn ein Arzt z. B. bei einer Patientin mit Schmerz infolge von Verspannung der Unterbauch- und Beckenbodenmuskulatur eine Blasenspiegelung vornimmt, so wird er durch die Muskelverspannung das Gerät nur mit Mühe einführen können und die Patientin wird mit starken Schmerzen reagieren und zwar je häufiger die Untersuchung angestellt wird, um so mehr , da jede Untersuchung die Beschwerden noch mehr verstärkt. Der untersuchende Arzt aber glaubt, die Patientin "stelle sich an", sei nicht kooperativ, reagiere hysterisch etc., da ein solcher Eingriff gar nicht weh tun könne (weil er bei anderen Patienten, die dieses Problem nicht haben, ja auch nicht weh tut.)

Die Tendenz zur Ausweitung der Dauerkontraktionen und damit der Beschwerden ergibt sich aus folgendem: jeder Schmerz, jede Missempfindung lässt uns zusammenziehen und zwar nicht nur an der direkt betroffenen Stelle, sondern auch um diese Stelle herum, verbunden mit einer mehr oder weniger starken Ausbreitung im ganzen Körper. Das heißt, ein Dauerschmerz führt automatisch zu einem erhöhten Tonus und zur Minderung der Beweglichkeit im ganzen Körper (da dabei immer auch die gesamte Rumpfmuskulatur, i. e. die Atemmuskulatur betroffen ist, wird man bei starken anhaltenden Schmerzen - gleich welcher Provenienz - unweigerlich mehr oder weniger depressiv).

Außerdem bewirken Schmerz und Missempfindung auf die Dauer immer auch eine Schonhaltung. Das heißt, wir verbiegen unseren Körper so, wie wir es noch am ehesten aushalten können. Da wir aber Kinder der Schwerkraft sind, denen es nur bei total aufrechter Körperhaltung vergönnt ist, dass das Gewicht von Skelett getragen wird, während die Muskeln von dieser Aufgabe befreit sind, führt jede Abweichung von dieser Haltung, also auch jede Schonhaltung dazu, dass Muskeln dazu missbraucht werden müssen, unser Gewicht zu tragen, damit wir nicht umfallen. Auf diese Weise entstehen neue Dauerkontraktionen, die sich durch den ganzen Körper ziehen und zu neuen Beschwerden führen. Das lässt nun wieder die Ärzte am guten Willen und Verstand des Patienten zweifeln, bald zwickt es hier, bald zieht es dort, eine richtige Diagnose lässt sich nie stellen, nichts hilft, der Patient wird allmählich lästig. Man schickt ihn eher zum Psychiater. Der Facharzt stellt dann vielleicht die (meines Erachtens falsche) Diagnose "larvierte Depression".

Die Alternative kann meiner Meinung nach nur sein, alle Beschwerden des Patienten ernst zu nehmen und zu versuchen, ihren funktionellen Zusammenhang in genau diesem individuellen Fall zu verstehen. Psychosomatische Erkrankungen ohne somatischen Befund (in Muskeln und oder Bindegewebe) gibt es vermutlich nicht. Es gibt auch keinen Unterschied zwischen einem organischen und einem psychosomatischen Schmerz. Jeder Schmerz wird physiologisch durch Schmerzrezeptoren und das Nervensystem übermittelt, jedem Schmerz entspricht eine Schädigung im Körpergewebe.

Alle funktionellen Erkrankungen betreffen zunächst wahrscheinlich das sensomotorische System. Erst in fortgeschrittenem Stadium kommt es zu Fehlfunktionen und schließlich zu strukturellen Änderungen an den inneren Organen. Aus einem Magendrücken oder Magenschmerz kann eine Gastritis werden und aus dieser ein Magengeschwür und Schlimmeres. Verspannungen gelten als harmlos, was sie aber keineswegs sind, denn fast nichts kann stärkere Schmerzen und Missempfindungen bereiten als Verspannungen, und sie können selbst zum Ausgangspunkt chronischer Erkrankungen werden. So können sich aus Verspannungen Asthma, Herzrhythmusstörungen, Colitis, Hämorrhoidalleiden und eine Vielzahl anderer Krankheiten entwickeln.
Mit hundertprozentiger Regelmäßigkeit lässt sich in der Praxis auch bei solchen Störungen eine muskuläre Fehlfunktion in der äußeren Umgebung feststellen. Diese entsteht nicht, wie die Medizin meint, nur reflektorisch von innen nach, also infolge der Organschädigung außen (wie z.B. beim akuten Abdomen), sondern die muskuläre Fehlfunktion kann auch der Organschädigung voraus gehen. Die inneren Organe sind nicht unabhängig von dem, was außen geschieht. So werden z. B. bei jeder Atembewegung, die via Skelettmuskulatur geschieht, nicht nur die Lunge, sondern alle inneren Organe bewegt. Die Organe sind nicht starr an einen Punkt im Körper fixiert, sondern sie sind ständig auf der Wanderschaft, ständig in Bewegung. Und es sieht ganz so aus, als bräuchten sie diese Bewegung auch für ihr reibungsloses Funktionieren.

So ist z. B. die Darmperistaltik abhängig von der Zwerchfellbewegung. Ohne harte Bauchdecke (die die Bauch- und damit die Zwerchfellatmung nach unten unmöglich macht) keine Verstopfung. SMITH und SMITH meinten sogar, dass alle inneren Organe erst auf Anforderung des neuromuskulären Systems tätig werden, dass das neuromuskuläre System also die Funktion der inneren Organe steuert. Leicht beobachtbar ist dieser Vorgang bei Muskel-, Atmungs- und Herztätigkeit. Wenn wir z. B. joggen, muss in den Mitochondrien der Muskelzellen mehr Energie bereitgestellt werden, wozu Sauerstoff benötigt wird. Daher atmen wir umso mehr, je stärker wir uns bewegen. Dadurch, dass Volumen und Frequenz der Atmung sich erhöhen, müssen sich Volumen und Frequenz des Herzschlags erhöhen, wodurch mehr Sauerstoff in das Blut gepumpt wird und schließlich in den Muskel-Mitochondrien landet. Umgekehrt ist es ein leichtes, die Pulsfrequenz zu senken, indem man den Atem verlangsamt, wodurch man sich insgesamt ruhiger werden fühlt. In einer solchen Sichtweise verschwinden die Unterschiede zwischen psychosomatischen, funktionellen und organischen Erkrankungen, denn fast alle Erkrankungen (sofern es sich nicht um massive Erbkrankheiten oder angeborene Defekte handelt) beginnen als funktionelle Erkrankungen. Vielleicht sollten wir besser von Verspannungs- oder Erstarrungs-Krankheiten sprechen.

Deutlich wird das z. B. bei Rückenbeschwerden. Auch hier wird gewöhnlich unterteilt in solche Patienten mit organischem Befund und solche ohne. Wie wir bereits wissen, gibt es letztere Gruppe vermutlich nicht, denn bei der körpertherapeutischen Untersuchung lässt sich immer ein Befund im neuromuskulären System erheben. Wie aber verhält es sich mit der ersten Gruppe? Hier sind im Röntgenbild und/oder Computertomogramm "organische" Veränderungen wie Bandscheibenvorfälle, verschobene Wirbel, Wirbelsäulenverkrümmungen nachweisbar. Sind diese Patienten nun anders krank als die anderen? Nein, es handelt sich vermutlich nur um ein fortgeschrittenes Stadium, denn die durch Dauerkontraktion verkürzten Muskeln, die die Wirbelsäule zusammendrücken, arbeiten schließlich die Bandscheiben auf, ziehen die Wirbelsäule krumm, und wenn ein Ungleichgewicht auf beiden Seiten herrscht, ziehen sie einzelne Wirbel mehr zu einer Seite. Der Schmerz aber - das, worunter die Menschen leiden - kommt hier wie dort von der verspannten Muskulatur, nicht von dem, was man auf dem Röntgenbild sieht. Schmerz wie Wirbelschäden resultieren aus der verspannten Muskulatur - zumindest solange noch kein Knochen angegriffen ist. Bei der Hüftarthrose ist es nicht anders: sie geht auf Dauerkontraktionen der Hüftmuskulatur (z. B. bei Seitneigung des Körpers infolge früherer Verletzungen) zurück. Selbst einnm organisch feststellbaren Herzschaden kann eine lange Vorgeschichte von Fehlatmung infolge von Verspannungen der Brust- und Bauchmuskulatur vorausgehen, was aber auf keinem Röntgenbild noch sonst einem bildgebenden Verfahren zu sehen ist, sondern sich nur am lebendigen Menschen beobachten lässt. Die Liste der Folgeerkrankungen ließe sich lange fortsetzen.
Damit hat - wie jedes gesunde Verhalten - auch jede Krankheit einen psychosomatischen Aspekt, das heißt jede Krankheit beeinflusst das Denken, Fühlen, Vorstellen und Handeln eines Menschen, wie auch umgekehrt sein Denken, Fühlen, Vorstellen und Handeln Einfluss auf die Krankheit hat. Wie uns die Psychoneuroendokrinologie und auch die Alltagserfahrung zeigen, bekommen wir selbst eine banale Erkältung eher, wenn wir " nicht gut drauf" sind, d.h. wenn wir angespannter sind. Die Aussage, dass es sich bei einer bestimmten Krankheit um eine psychosomatische Störung handle, wird damit zur Tautologie, denn jede Krankheit befällt einen belebten, bewegten, beseelten Körper, nur Leichen bekommen keine Krankheiten mehr.

Was man gegen Verspannungskrankheiten tun kann

Dadurch, dass nahezu alle Erkrankungen mit dem Funktionieren des sensomotorischen Systems zusammenhängen, ist es auch möglich, alle durch die gleichen Verfahren positiv zu beeinflussen. Daher finden wir immer wieder Untersuchungen, die nachweisen, dass sich Bewegung positiv auswirkt, ob prophylaktisch, heilend oder Rezidiv verhütend. Das trifft zu für die Erkrankungen des "Bewegungsapparats", des Herzkreislaufsystems (z. B. Bluthochdruck, Infarkt und Schlaganfall), für innere Erkrankungen wie Diabetes, ja selbst für Krebs und natürlich - last not least - für Ängste, Depressionen und (im traditionellen Sinne) "psychosomatische" Erkrankungen.

Als besonders geeignet haben sich rhythmische Ganzkörperbewegungen erwiesen, die die Atmung und damit auch den Kreislauf in Schwung bringen und die Muskulatur lockern, also z. B. Joggen, Schwimmen, Bergwandern, Tanzen, Langlaufen. Diese schnellen, rhythmischen Bewegungen wirken entspannend und aktivierend. Ungeeignet sind Sportarten, die eher zur Verspannung als zur Entspannung führen, wie häufig Leistungssport, die meisten Kraftsportarten sowie Bodybuilding, Aber auch die o. g. Ausdauersportarten sind dann ungeeignet, wenn die Bewegungen eckig, angestrengt, gewaltsam durchgeführt werden, was häufig schon an den angespannten und verzerrten Gesichtszügen sichtbar wird.

Bei der Empfehlung von Sport ist allerdings folgendes zu berücksichtigen: zwar stimmt es, dass wir uns bald wohler fühlen, wenn wir uns mehr bewegen - und wenn wir uns wohler fühlen, haben wir mehr Lust, uns zu bewegen. Aber es stimmt auch das Gegenteil: wenn wir uns unwohl fühlen, haben wir keine Lust, uns zu bewegen. Die Muskeln sind so lahm und so wenig mit Sauerstoff versorgt, dass es schon eines großen Willensakts bedarf, um sich in diesem Zustand in Bewegung zu setzen. Der "Innere Schweinehund" ist in der Muskulatur zu finden. Deshalb sitzt man, wenn man depressiv ist, am liebsten in der Ecke und brütet, oder würde am liebsten im Bett bleiben, weil schon das Aufstehen zu mühsam ist. Ein solches Verhalten ist aber in Wahrheit ein Depressionsförderungsprogramm. Zwingt man sich dagegen in diesem Zustand, eine Bergtour zu machen, schwimmen oder joggen zu gehen, fühlt man sich bald wieder wohler. (Unter dem Aspekt des Bewe-gungsmangels betrachtet, kann man sagen, dass die alten psychiatrischen Kliniken Depressionen geradezu züchteten).

Neben den Ausdauersportarten sind übrigens Lachen, Weinen und Singen sehr gut geeignet, um vor allem die Gefühlsmuskulatur aus der Erstarrung zu lösen. Auch alle sanften, langsamen, achtsamen Bewegungsformen, wie Tai-Chi, Chi-Gong, Feldenkrais' "Bewusstheit durch Bewegung" sind gute Möglichkeiten, um aus der Verspannung wieder in den Bewegungsfluss und damit zum Wohlbefinden zu kommen. Diese langsamen, rhythmischen Bewegungen werden als entspannend und beruhigend erlebt. Spannungs- und Erregungsregulation geschieht übrigens auch im Alltag in mannigfacher Weise, worauf besonders THAYER hingewiesen hat. Wir ruhen uns dann zum Beispiel aus oder gehen eine Runde spazieren oder schaukeln unser Kind (was auf beide Beteiligten beruhigend wirkt).

Oft reichen diese natürlichen und einfachen Verfahren aber nicht, da sie sehr unspezifisch sind. Es ist daher möglich, dass der Betreffende sich zwar bewegt, aber die gerade bei ihm zentral verspannten Gebiete doch angespannt hält, ohne es selbst zu merken. Er übt dann gerade in seine Fehlhaltung hinein. Und oft ist der Schmerz auch einfach so stark, dass selbst diese Bewegungen noch gar nicht durchführbar sind. In all diesen Fällen muss man gezielter therapeutisch etwas tun.

Da, wie wir gesehen haben, Sensorik, Motorik, Denken und Vorstellen nur verschiedene Seiten des gleichen Vorgangs sind, können wir an jeder dieser Seiten therapeutisch ansetzen. Natürlich können wir wie bisher traditionelle verbale Psychotherapie einsetzen, die vor allem am Denken und an der Vorstellung ansetzt, um Gefühle und Motorik zu beeinflussen. Eine gewisse Entlastung und Besserung bringt oft schon die Erklärung, um was es sich bei den Beschwerden handelt, denn dadurch bringt man den Patienten heraus aus seiner Angst-Gedanken-Spirale, unter einer schweren Krankheit zu leiden. In dieser Negativspirale hatte er sich zuvor immer mehr verspannt und die Beschwerden verschlimmerten sich. Die Behauptung "Da ist nichts" hilft dagegen gewöhnlich nicht weiter, ja sie lässt den Betroffenen sich sogar weiter in die Negativspirale hineinsteigern, denn er spürt ja ganz genau, dass da sehr wohl etwas ist und hat umso mehr Angst, unter einer bedrohlichen, unerkannten Krankheit zu leiden.

Man kann aber auch versuchen, direkt die Sinnesorgane zu beeinflussen, um damit eine Entspannungsreaktion im Körper hervorzurufen: z. B. mit Lichttherapie, mit Musik- und Klangtherapie, mit Düften oder mit Wärmeanwendung. Wenn man seine Aufmerksamkeit auf positive Sinneseindrücke richtet, kommt es - zumindest momentan - zu einer Spannungs- und Erregungsreduktion, nicht nur in der Gegend des Sinnesorgans, sondern am ganzen Körper. Das macht man sich z.B. bei der Meditation oder beim Stillen zunutze. Im Alltag gehen wir in die warme Badewanne oder in die Sauna, gehen gut essen, umarmen jemanden, hören Musik etc. Auch alle psychologischen Ablenkungsmanöver, z.B. bei der Schmerztherapie, nutzen diesen Effekt. Konzentriert man sich dagegen auf die negativen Sinneseindrücke, z.B. den Schmerz, verstärken diese sich noch. Je mehr man auf den Schmerz fokussiert, ihn belauert und bekämpft, desto schlimmer wird er.

Da das sensomotorische System, wie wir wissen, auch via Vorstellung beeinflussbar ist, kann man auch mit autogenem Training, Visualisierungsübungen, Katathymen Bilderleben, NLP und Übung von Bewegungen in der Vorstellung arbeiten. Im Alltag entspricht diesen Verfahren die Tagträumerei.

Am wirkungsvollsten sind aber nach meiner Erfahrung Körpertherapien, die direkt an den Muskeln, Faszien und am Unterhaut-Bindegewebe / Faszien ansetzen, um diese zu lockern und wieder in Bewegung zu bringen, und die die Aufmerksamkeit auf die Wahrnehmung des ganzen Körpers und all seiner einzelnen Teile und Funktionen lenken. Beseitigt man die Blockierungen, tritt die natürliche Selbstorganisation des Organismus wieder in Kraft, er lernt eine andere Bewegungsart, eine andere Art des Umgangs mit sich selbst und es entsteht mehr Körperbewusstsein, so dass der Patient in Zukunft selbst merken kann, was ihm gut tut und was für ihn abträglich ist. Auch hier gibt es eine Reihe von Verfahren: Feldenkrais' Funktionale Integra-tion, Rolfing, Alexander-Technik, Trager-Arbeit, Bodymind-Balancing, Atemtherapien, bestimmte Massagetechniken u. a. m. Sie alle arbeiten direkt mit dem Körper, und verstehen dessen einzelne Teile nicht symbolisch, noch geht es um Katharsis durch Abfuhr psychischer Energie. All diese Verfahren führen zu einer deutlichen Reduktion der aktuell - wodurch auch immer - erhöhten Spannung, womit der Tonus unter die Schmerz- bzw. Beschwerde-Wahrnehmungsschwelle sinken kann. Allerdings Besonders verschwinden in schweren, chronischen Fällen nach meiner Erfahrung häufig die Grundverspannung und damit die Überempfindlichkeit des Gewebes noch nicht. Damit können ungünstige Umstände wieder zu Spannungserhöhungen führen, die die Schmerzschwelle überschreiten, d.h. es kann Rückfälle geben.

Die Sensomotorische Körpertherapie

Ich habe früher mit Psychoanalyse und Familientherapie lange Jahre lang rein verbal gearbeitet, bis ich wegen chronischer Rückenschmerzen fast berufsunfähig war. Nachdem mir körpertherapeutische Verfahren schließlich halfen, begann ich erst langsam und zögerlich, dann immer häufiger auch selbst körpertherapeutisch zu behandeln. Damit gewann ich gerade zu den Patienten mit "psychosomatischen" oder "somatoformen" Störungen, einen sehr viel besseren Zugang als zuvor, da sie sich durch die körperbetonte Vorgehensweise endlich verstanden fühlten. Allmählich kamen auch solche Patienten, die sonst nie den Weg zur Psychotherapie gefunden hätten. In der Hauptsache behandle ich nun chronische, oft als "austherapiert" geltende Schmerzpatienten - und das sehr gern und erfolgreich.
Im Laufe der Jahre habe ich in der Praxis die "Sensomotorische Körpertherapie nach Dr. Pohl" entwickelt, eine Kombination von fünf manuellen, übenden und mentalen Verfahren.

Dabei handelt es sich um

  • Hanna Somatics (eine Weiterentwicklung der Feldenkrais-Methode, benannt nach Thomas HANNA)
  • Eine aktive Schmerzpunkt-Behandlung, deren Urform im deutschsprachigen Bereich bereits in den Zwanziger- und Dreißigerjahren von LANGE beschrieben wurde.
  • Eine spezielle Bindegewebsbehandlung
  • Sensomotorische Übungen
  • Ein Körperbewusstseinstraining

Pandiculations
Mit den "Pandiculations" der Methode Hanna Somatics veranlasst man die Patienten - ähnlich wie bei der Progressiven Muskel-Relaxation von JACOBSON - angespannte Muskeln zunächst noch stärker anzuziehen. Anders als bei JACOBSON lässt man die Patienten die Muskeln dann aber ganz langsam entspannen, und zwar mit genauem sensomotorischem Feedback durch den Therapeuten, d.h. der Therapeut gibt selbst mit seinen Muskeln einen Gegendruck, den er ebenfalls langsam allmählich reduziert. Patient und Therapeut sind in Druck und Gegendruck mit einander verbunden, jeder spürt vom anderen genau, was er tut. Der Therapeut führt. Das gibt dem Patienten ein natürliches Biofeedback über die Somatosensorik, die Körpersinnesorgane.
Mit dieser Methode geht man das ganze individuelle Spannungsmuster durch (man behandelt also nicht nur die Stellen, wo sich bereits Beschwerden bemerkbar machen). Damit löst sich zumindest die aktuelle Spannungserhöhung, die Sensomotorische Amnesie des Patienten schwindet, er spürt sich wieder mehr und hat wieder einen bewussten Zugang zu bestimmten Körperpartien wodurch er sich erheblich wohler und kompetenter fühlt. Das Gefühl der Hilflosigkeit schwindet. Sind nach dieser gezielten, aktiven, funktionellen Entspannung noch Gewebeverhärtungen spürbar (was oft der Fall ist), so haben sich in Muskulatur und/oder Bindegewebe / Faszien bereits chronische, strukturelle Veränderungen, sogenannte Myogelosen, Triggerpunkte und Fibrogelosen, Bindegewebsverspannungen gebildet. Sie sind als äußerst druckschmerzhafte Verhärtungen tastbar.

Aktive Triggerpunktbehandlung und Bindegewebsbehandlung
Mit gezieltem, genau dosiertem, sich verlagerndem Druck kann man diese Verhärtungen in den Muskeln und im Bindegewebe / Faszien der Haut und Unterhaut auflösen. Am besten geling das, wenn man den Patienten die betroffene Muskulatur gleichzeitig aktiv bewegen lässt. Damit löst sich die Grundverspannung des Gewebes endgültig und die Überempfindlichkeit hört auf. Das heißt: auch momentane Reize wie Druck, Kälte, Wetterwechsel, bedrohliche Situationen rufen dann keine überstarken Reaktionen und damit Beschwerden mehr hervor. Der Erfolg dieser Behandlungen ist sowohl für die Patienten wie für den Behandler sichtbar und spürbar. Das Gewebe wird weicher, der Bewegungsumfang der betroffenen Körperteile wird größer, die Atmung wird ruhiger und tiefer, das gesamte Aussehen gesünder (durch die bessere Durchblutung bekommt man wieder eher rote Wangen, während gerade die Schmerzpatienten am Anfang typischerweise ganz grau im Gesicht aussehen). Die Schmerzen oder sonstigen Beschwerden hören auf, die Stimmung bessert sich.

Sensomotorische Übungen
Sobald durch die manuellen Verfahren das Eingefleischte der Gewohnheiten und Traumareaktionen einigermaßen überwunden ist, lernen die Patienten sensomotorische Übungen, die sie zu Hause durchführen können. Diese Übungen werden extrem langsam und in voller Aufmerksamkeit durchgeführt (sozusagen "mit Andacht").und helfen den Patienten, beweglich und achtsam zu bleiben. Ziel sind nicht Muskelstärkung oder sportliche Ertüchtigung, sondern Haltungs- und Bewegungsänderungen, die auf Alltagssituationen generalisieren sollen.

Körperbewusstseinstraining
Mittels eines Körperbewusstseinstrainings wird dann die Wahrnehmung für körperlich-seelische Reaktionen auf äußere und innere Reize verbessert. Es beginnt bereits bei den Pandiculations, ist in vollem Umfang aber erst möglich, wenn die sensomotorische Amnesie durch die übrigen Verfahren bereits weitgehend überwunden ist- vorher würde es nur als weitere nutzlose pädagogische Maßnahme missverstanden ("Ich soll das und das tun"). Sind die weißen Flecken auf der Körperlandkarte im Gehirn aber bereits weitgehend getilgt, können die Patienten lernen, sich selbst in ihrem Alltag bewusst zu spüren, zu beobachten und anders zu bewegen und zu halten ("Aha, ich tue das und das"). Man lernt z.B. zu merken, dass man, wenn man den ganzen Tag vor einem zu niedrigen Monitor sitzt, automatisch in eine vorgebeugte Haltung gezwungen wird, die man auch in der Freizeit nicht mehr ablegt und dass darunter Atmung, Stimmung und Beweglichkeit leiden. Oder es fällt einem auf, dass man immer dann noch den Kopf in den Nacken zieht, wenn der Chef oder ein gefürchteter Kollege den Raum betreten. Oder man merkt allmählich, dass man bei negativen inneren Sätzen und eigenen Antreibern sich selbst - muskulär - unter Druck setzt und/oder hektisch wird, indem man den ganzen Körper viel stärker anspannt, als man je in Bewegung umsetzen kann. Da man jetzt spürt, was man selbst tut, so dass man Beschwerden erzeugt (nicht etwa: um sie zu erzeugen), kann man dan lernen, dieses Tun durch langfristig angenehmere Reaktionen zu ersetzen ("Aha, so geht's besser!").
Im Mittelpunkt steht die Änderung der Alltagsbewegung. Die Patienten lernen z.B. auf neue Art zu gehen, zu stehen, zu sitzen, zu greifen, zu atmen, zu sprechen. Neu heißt dabei: ohne ein Zuviel an muskulärer Spannung. Ungewohnte Leichtigkeit. Mühelosigkeit und Spontaneität machen sich dann bemerkbar.

Da die Patienten sich Körperbewusstsein und Beweglichkeit selbst erhalten und damit das Entstehen neuer Dauerkontraktionen vermeiden können, bleibt auf diese Weise der Behandlungserfolg stabil. Die Patienten werden lockerer und fröhlicher, bewegen sich mehr und anders, trauen sich mehr zu und unternehmen von sich aus andere und neue Dinge.

Und was ist mit den frühen Kindheitserlebnissen als Ursache aller späteren " psychischen" und "psychosomatischen" Störungen? Kann man denn jemanden behandeln, ohne dieser Ursache auf den Grund zu gehen? Die Amtwort lautet: ja! Das Aufrollen der Entstehungsbedingungen mag zum eigenen Verständnis hilfreich sein, unbedingt nötig ist es aber nicht.
Es kann durchaus sein, dass sich jemand schon in der Kindheit zusammengezogen hat, aus welchem Anlass auch immer. Manchmal können Patienten das direkt erinnern oder sie entdecken es auf alten Fotos. Aber, wie Wolfgang Loch, ein bekannter deutscher Psychoanalytiker, einmal sagte: wir können nicht ändern, was man dem Ich angetan hat, wir können nur ändern, was das Ich daraus gemacht hat. Dieser Satz gilt für alle Psychotherapie und er gilt auch, wenn man das Wort "Ich" durch das Wort "Organismus" ersetzt. Die frühen Kindheitserlebnisse sind nicht "die Ursache" der heutigen Beschwerden. Sie waren unter Umständen die Auslöser von Dauerkontraktionen, die mit bestimmten Gedanken und Gefühlen verbunden sind, die heute noch bestehen und sich wahrscheinlich im Laufe des Lebens verstärkt haben. Genauso gut können sie aber auch erst im späteren Leben entstanden sein. Niemand kann dem Patienten seine frühen Kindheitserlebnisse oder späteren Traumen beseitigen oder ändern, wohl aber kann man ihm helfen, sich von den Dauerkontraktionen zu befreien, die seinen heutigen Beschwerden zugrunde liegen, wann immer sie entstanden sein mögen.

Damit ändert sich auch die Gefühls- und Motivationslage. Ein Patient, der ursprünglich wegen Hodenschmerzen und Unterleibskrämpfen zu mir in Behandlung kam, wobei sich aber bald herausstellte, dass er außerdem unter Herzbeklemmungen, Nackenschmerzen sowie unter Schlafstörungen und Depressionen litt, formulierte es am Ende der Behandlung so : "Meine Stimmung ist viel besser! Jetzt ist es eine angenehme Unruhe: das und das will ich noch machen. Vorher war es: das und das und das muss ich noch machen. Der Arbeitsaufwand ist der gleiche, aber von der besseren Seite her".

Wenn zu mir aber vor 20 Jahren jemand gesagt hätte, er könne Depressionen, Ängste und " psychosomatische" Störungen dadurch heilen, dass er an den Betroffenen herumdrückt, sie bestimmte Bewegungen ausführen und auf körperliche Vorgänge achten lässt und dass das sehr erfolgreich sei - ich hätte ihn gewiss für verrückt erklärt.


Literatur:

Dahlke, Rüdiger: Krankheit als Symbol. Handbuch der Psychosomatik. Bertelsmann, München, 1999.

Damasio, Antonio: Descartes´ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. List, München, 1995.

Feldenkrais, Moshé: Die Entdeckung des Selbstverständlichen. Suhrkamp, Frankfurt, 1987.

Hanna, Thomas: Beweglich sein - ein Leben lang. Die heilsame Wirkung körperlicher Bewusstheit. Kösel , München, 1990.

Humphrey, Nicholas: Die Naturgeschichte des Ich. Hoffmann und Campe, Hamburg, 1995.

Lange, Max: Die Muskelhärten (Myogelosen). Lehmanns Verlag, München 1931.

Malmo, Robert, B.: On Emotions, Needs and Our Archaic Brain. Holt, Rinehart and Winston, New York, 1975.

Pohl, Helga: Körpertherapie der Angst. Natürlich Leben 2 / 1997, S.28 -30.

Pohl, Helga: Rückenschmerzen. Natur und Heilen 5/ 1997, S. 286 -293.

Pohl, Helga: Schmerztherapie ohne Chemie. Natürlich Leben 3/1997, S. 40 - 46.

Smith, Thomas J. and Smith, Karl, U.: Cybernetic factors in motor performance and development. In: Differing Perspectives in Motor Learning, Memory and Control. D. Goodmann, R.B. Wilberg and I.M. Franks (Eds.), Elsevier Science Publishers B.V. (North Holland) 1985.

Thayer, Robert, E.: The Biopsychology of Mood and Arousal. Oxford University Press, New York, 1989.

Travell, Janet, G. and Simons, David, G.: Myofascial Pain and Dysfunction. The Triggerpoint Manual. Vol. I, The Upper Extremities. Williams and Wilkins, Baltimore, 1963.

Travell, Janet G. and Simons, David G.: Myofascial Pain and Dysfunktion. The Triggerpoint Manual, Vol. II: The Lower Extremities. Williams and Wilkins, Baltimore, 1992.

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Schmerztherapie ohne Chemie

(erschienen in Natürlich leben, 6, 1999)

Zusammenfassung: Dieser Artikel handelt von Schmerzen im "Bewegungsapparat". Nach Darstellung einiger typischer Schmerzzustände werden falsche schulmedizinische Vorstellungen über die Entstehung dieser Schmerzen widerlegt. Als eigentliche Verursacher dieser Beschwerden werden verspannte, d.h. dauerkontrahierte Muskeln erkannt. Da die Dauerkontraktion der betroffenen Muskulatur von unwillkürlichen Hirnteilen gesteuert ist, lässt sie sich zwar nicht einfach bewusst wieder lockern, aber es werden erfolgreiche Methoden dargestellt, mit denen man der unbewussten Anspannung Herr werden kann, so dass sie sich löst und man wieder komplett schmerzfrei wird. Das wirkt sich auch auf das seelische Befinden positiv aus.

Schmerzgeplagt sind wir fast alle

Wer kennt das nicht?

  • Man wacht morgens mit einem steifen Genick auf oder
  • der Rücken tut so erbärmlich weh, dass man sich kaum vorbeugen oder sich nicht auf- richten kann - oder
  • Hüftschmerzen lassen jeden Schritt zur Qual werden - oder
  • schon wenn man zur Begrüßung die Hand reicht, schmerzt es fürchterlich im Ellbogen - oder
  • nachts wird man von Krämpfen in den Waden aufgeweckt - oder
  • morgens ist man so steif, dass man sich kaum rühren kann, geschweige denn die Strümpfe und Schuhe anziehen - oder
  • die Schulter schmerzt und ist nur noch eingeschränkt zu bewegen, so dass es beispielsweise zur großen Leistung wird, sich die Haare zu kämmen - oder
  • die Hände werden immer steifer und tauber - oder
  • wie ein elektrisierter Draht zieht ein Schmerz vom Gesäß bis in den Fuß usw. usw.

Ab einem gewissen Alter gibt es in unserer Bevölkerung wohl kaum jemanden, den nicht zumindest vorübergehend die eine oder andere dieser Beschwerden schon geplagt hat. Und für viele sind sie zur chronischen Last des Alltags geworden, die häufig genug das Leben zur Qual werden lässt.

Wie die Orthopädie solche Schmerzzustände erklärt

Die Orthopäden sagen uns dann, wir leiden unter Lumbalgie, Bandscheiben-Schäden, HWS-, B WS-, LWS-Syndrom, Arthrose, Arthritis, Rheuma, Skoliose, Tennis-Ellbogen, Carpaltunnel-Syndrom, Wirbelsäulen-Verkrümmung, kaputten oder entzündeten Gelenken, Sehnenverkürzungen, Ischialgie, Meniskus-Schäden, usw., usw.

All diese Diagnosen sind jedoch nur Umschreibungen beziehungsweise Übersetzungen in das Lateinische, die über die Ursache der Beschwerden nichts aussagen. Lumbalgie heißt zum Beispiel nichts anderes als Kreuzschmerz. Nur hört sich: "Sie haben eine Lumbalgie" mehr nach einer Krankheitsdiagnose an als wenn dem Betreffenden gesagt würde: "Ihnen tut das Kreuz weh! ' (deswegen kam er ja in Behandlung).
Die meisten so genannten "Diagnosen" sind einfach Lagebeschreibungen. Tut es Ihnen am Nacken weh, gilt das als "HWS-Syndrom", schmerzt es im oberen Rücken, heißt es "BWS-Syndrom", im unteren "LWS-Syndrom", im Unterarm "Sehnenscheiden-Entzündung", im Ellbogen "Tennisellbogen", in der Kreuzbeingegend "Entzündung des Iliosakralgelenks" usw., usw.
Wenn wir nach einer Ursache all dieser Störungen fragen, erfahren wir gewöhnlich, dass es sich um Abnutzungs- oder Verschleißerscheinungen handle. Wenn wir bereits älter sind, wird die Ursache der Verschleißerscheinungen gewöhnlich auf unser Alter zurückgeführt ("Das ist nun mal so, damit müssen Sie leben; Sie werden auch nicht jünger.").

Ereilen uns solche Beschwerden schon in jüngerem Alter, werden sie eher auf anatomische Anomalien (zum Beispiel Beckenschiefstand oder ein zu kurzes Bein) zurückgeführt. Wenn sie bei Kindern auftreten, werden sie mit Wachstumsschmerzen bezeichnet. Oder es wird gar - in jeder Altersgruppe - der Mensch mit seinem aufrechten Gang als Fehlkonstruktion der Natur gebrandmarkt, was Rückenschmerzen eigentlich unvermeidbar mache.
Wenn wir Glück haben, wird die Ursache immerhin auf eine zu schlaffe Muskulatur zurückgeführt- Glück deshalb, weil die angeratene Therapie dann nämlich in Bewegung besteht.

Alle eben erwähnten Ursachen sind schlicht und einfach falsch. Insbesondere handelt es sich nicht um Abnutzungs-, Verschleiß- oder Alterserscheinungen. Der Mensch ist keine Maschine! Lässt man ein Auto zehn Jahre lang in einer engen Garage stehen, so weist es doch zwar Schäden durch Stillstandskorrosion auf, wird es aber zehn Jahre lang viel herumgefahren, entwickelt es ungleich viel mehr Schäden durch Verschleißerscheinungen. Man muss Treibriemen und Auspuff ersetzen usw.
Umgekehrt dagegen beim Menschen: würde man ihn zehn Jahre lang in ein vergleichbar kleines Verlies sperren, in dem er sich nicht bewegen kann, wird er sehr viele der oben aufgeführten Beschwerden aufweisen. Lässt man ihn dagegen sich in der gleichen Zeit möglichst viel und vielseitig bewegen, wird er von dieser Art von Beschwerden weitgehend verschont bleiben. Der menschliche Körper nutzt sich durch Bewegung nicht ab, sondern er braucht Bewegung so lebensnotwendig wie Nahrung und Luft. Gerade die Gelenke werden durch Bewegung geschmiert, ernährt und von Abfallstoffen gereinigt.

Was aber ist dann die Ursache? Das Alter allein kann es nicht sein, denn Alter ist weder giftig noch eine Krankheit und es gibt viele ältere Menschen (vor allem in anderen Kulturkreisen), die sich vergnügt, schmerzfrei und ohne Einschränkungen bewegen. Ebenso ist das Wachstum der Kinder schmerzfrei.

Auch die Natur und der aufrechte Gang scheiden als Sündenböcke aus, denn Rückenschmerzen oder ähnliche Gebrechen sind bei Naturvölkern nahezu unbekannt. Schließlich sind auch Beckenschiefstände, verschieden lange Beine, Wirbelsäulen-Verkrümmungen und ähnliches in den allerseltensten Fällen auf knöcherne Anomalien zurückzuführen, sondern nur Ausdruck einer muskulären Fehlhaltung. Das heißt, das Bein wird unabsichtlich eingezogen, das Becken schief gehalten und die Wirbelsäule wird von den Muskeln krumm gezogen.

Ein Knochen kann nämlich nur durch die Muskulatur an einen anderen Platz bewegt und dort gehalten werden. Auch bei der Wirbelsäule ist das nicht anders möglich. Es sitzen keine kleinen grünen Männchen in den Wirbeln, die sie herum schieben. Nur bei den muskulär bedingten Fehlhaltungen kann man tatsächlich von einer Fehlstellung sprechen, denn damit geraten wir in Kollision mit dem aufrechten Gang, mit den Gesetzen der Schwerkraft und es kann zur Lage- Verschiebung der inneren Organe und zur Einschränkung der Atmung, und last but not least zu Schmerz kommen. Zu den muskulär bedingten Fehlstellungen gehören übrigens auch die Knick, Senk-, Spreiz- und Plattfüße, die diagnostisch sehr populär sind, ebenso wie die meisten 0- und X-Beine.

Die allermeisten anderen anatomischen "Anomalien" die sich tatsächlich an den Knochen zeigen, sind in aller Regel zu vernachlässigen, denn sie sind nicht die Ursache der Schmerzen. Hier wird von den Orthopäden via Röntgenaufnahme alles Mögliche vermessen, z.B. der Winkel, den der Oberschenkelknochen zum Hüftgelenk bildet. Weicht dieser Winkel von einer - willkürlich gesetzten - Norm ab, heißt die Diagnose z.B. Coxa valga, was als angeborene "Fehlstellung" gesehen wird.
Es ist aber nicht einzusehen, wieso der Besitzer dieser "Anomalie" damit 30, 40 oder 60 Jahre schmerzfrei herumlaufen konnte, jetzt aber Schmerzen verspürt. Das gleiche gilt für die Feststellung, dass jemand einen Wirbel mehr als üblich hat und für hunderte von kleineren Abweichungen, die röntgenologisch festgestellt werden. Es handelt sich bei diesen "Anomalien" um völlig harmlose Spielarten des menschlichen Grundmodells, die den Untersuchungsaufwand nicht lohnen. So, wie wir alle unterschiedliche Nasenformen haben, oder unterschiedliche Augen oder Münder, genauso haben wir auch unterschiedlich geformte Knochen. Das ist ein großes Faszinosum der Natur, dass sie es schafft, immer wieder das gleiche Modell, in diesem Fall Mensch, herzustellen, und es doch auf vieltausendfache Art zu variieren, so dass kein Individuum dem anderen gleicht. Die Natur stellt keine Fabrikware her. Daher gibt es auch keine starre Norm, an der man die Normalität prüfen könnte. Die Norm ist von den Medizinern gesetzt. Schmerzen auf diese knöchernen "Anomalien" zurückzuführen, ist ebenso unsinnig wie zu behaupten, Ihre Anfälligkeit für Schnupfen sei auf Ihre lange, kurze, krumme, gerade, breite oder schmale Nase zurückzuführen und die große Nasenvermessung zu starten.

Besonders beliebtes Objekt zum Röntgen und Vermessen ist die Wirbelsäule. Sie wird zum nachgerade mythischen Wesen hoch stilisiert, das auf magische Weise die tollsten Schmerzen und Beschwerden an ganz anderen Körperteilen hervorrufen soll. Sie tut es mitnichten. Und sie ist auch keineswegs so empfindlich, wie sie meist dargestellt wird. Viele Masseure haben zum Beispiel gelernt, ja nicht an die Wirbelsäule zu gehen, da das zu gefährlich sei. Wahr ist, dass die Wirbelsäule das Rückenmark (also Teil unseres Hirns) enthält, und dass seitlich von den Wirbeln Nerven abgehen, die in den ganzen Körper gehen. Aber die ganze Konstruktion ist sehr robust. Das Modell Wirbeltier wäre in der Evolution niemals so erfolgreich gewesen, wenn sein Hauptmerkmal sich als derart fragil erwiesen hätte, dass geringe Belastungen und Veränderungen bereits zu unerträglichen Schmerzzuständen führen.

Tatsächlich lösen in allen oben erwähnten Fällen die Muskeln die Schmerzen aus und zwar nicht, weil sie zu schlaff sind, sondern weil sie unwillkürlich verspannt, verkrampft sind. Ein dauernd harter Muskel wird sehr oft für ein Zeichen von Stärke oder Sportlichkeit gehalten. Dies ist ein schwerwiegender Fehler, denn ein gesunder Muskel ist nur dann hart, nur dann kontrahiert, wenn er arbeitet. Im Ruhezustand muss jeder Muskel - auch wenn er noch so kräftig ist - weich sein. Wenn er das nicht ist, macht er früher oder später Beschwerden. Das gilt übrigens auch entgegen vieler Irrmeinungen - für die Bauchmuskulatur. Auch sie sollte im Alltag weich sein. Eine dauernd harte Bauchmuskulatur verhindert eine normale Zwerchfellatmung, was einen Rattenschwanz an Problemen nach sich zieht.
Selbst bei einem tief im Gelenk (z.B. im Knie, in der Schulter, im Ellbogen) empfundenen Schmerz lässt sich durch Drücken auf die Muskelansätze an diesem Gelenk leicht feststellen, dass der Schmerz von diesen Punkten ausgeht (an jedem Gelenk setzen Muskeln an, da diese ja die Aufgabe haben, unseren Körper in den Gelenken zu bewegen; sie wirken wie ein Hebelsystem). Auch den Kopfschmerz meint man, innen im Kopf zu spüren, während er tatsächlich von der Nacken-,Hals- und Kopfmuskulatur ausgeht. Auch hiervon kann man sich leicht überzeugen, indem man auf die betreffenden Muskeln drückt: sie sind in aller Regel druckschmerzhaft.

Um den Tonus, die Härte oder Weichheit eines Muskels festzustellen, genügt es, ihn anzufassen. Nur leider fasst heute kaum ein Arzt seine Patienten noch an, vielmehr schauen die meisten lieber auf ihre Röntgenbilder, Computer-Tomogramme und andere maschinelle Erzeugnisse. Auf diesen Aufnahmen kann man in der Tat sehen, dass zum Beispiel Wirbel gegeneinander verschoben sind oder eine Bandscheibe einquetschen, dass Gelenkspalte zu eng sind, dass Knorpelmasse aufgearbeitet ist oder dass Knochen arthrotisch verändert sind, das heißt, dass deren Oberfläche rau geworden ist. Nur: die Verursacher all dieser Malaisen sind auf den Bildern nicht zu erkennen.

Chronische Muskelverspannungen sind die wirkliche Ursache

Es sind die Muskeln, die ständig so stark angezogen sind, dass sie die Wirbelsäule zusammen drücken und schief oder krumm ziehen, so dass es eine Bandscheibe heraus drücken kann, die im ungünstigsten Fall wiederum auf einen Nerv drückt.

Es sind die Muskeln, die Gelenke so zusammen drücken können, dass Schäden am Knorpel oder schließlich sogar am Knochen (also Arthrosen) und endlich sogar Entzündungen (also Arthritis) entstehen können. Die Arthose selbst kann gar nicht wehtun, jedenfalls solange nicht, wie nur der Knorpel am Gelenk beschädigt ist (was bei den allermeisten Arthrosen der Fall ist), denn der Knorpel enthält keine freien Nervenendigungen und damit keine Schmerzrezeptoren. Nicht die im Röntgenbild sichtbare Veränderung ist die Ursache des Schmerzes, sondern sowohl die Arthrose wie auch der Schmerz sind durch die dauerverspannte Muskulatur bedingt.

Diese dauerkontrahierten Muskeln können auch direkt selbst Nerven abklemmen, so dass Nervenbeschwerden (Schmerz, Kribbeln, Taubheitsgefühle) entstehen. Zum Beispiel kann ein Muskel in der Pobacke ( der musculus piriformis) so stark dauerkontrahiert sein, dass er den Ischiasnerv auf den Beckenknochen drückt, wodurch die typischen Ischiasbeschwerden entstehen. Diese Ursache ist weitaus häufiger als die von den Orthopäden postulierte Quetschung der Nervenwurzel durch eine Bandscheibe der Lendenwirbelsäule. Insgesamt handelt es sich bei den meisten Ischiasdiagnosen um Fehldiagnosen. Meist schmerzt einfach die Gesäß- und Beinmuskulatur.

Da es fast ausschließlich die Muskeln sind, die direkt oder indirekt die Schmerzen verursachen, gibt es fast keinen Zusammenhang zwischen so genannten "objektiven" Veränderungen - beispielsweise an der Wirbelsäule - und subjektiv empfundenem Schmerz. Das bedeutet, dass es durchaus Menschen gibt, deren Wirbelsäule auf dem Röntgenbild "katastrophal" aussieht, die jedoch keine Beschwerden haben. Andere wiederum kommen vor Schmerzen bald um, obwohl sich kein "objektiver" Befund erheben lässt. Es ist ein Aberglaube, der uns maschinelle Aufnahmen glaubhafter und objektiver erscheinen lässt als das, was der Betroffene innerlich spürt (nämlich seinen Schmerz) und der Untersuchende äußerlich (nämlich den verhärteten Muskel).

chronische Muskelverspannungen

Nur in sehr seltenen Fällen, bei malignen Prozessen in den Knochen, zum Beispiel Knochenkrebs, schmerzen tatsächlich die auf dem Röntgenbild sichtbaren Veränderungen an den Knochen, in allen anderen Fällen sind es die Muskeln. Deswegen ist die Ursache der Schmerzen auch nicht psychisch, psychosomatisch oder gar nur eingebildet, nur weil sich auf dem Röntgenbild keine Veränderung finden lässt. Es wurde ganz einfach das falsche Gewebe untersucht. Überprüft man die Muskeln, lässt sich sehr wohl ein objektivierbarer Befund erheben. Die allermeisten Röntgen-Untersuchungen sind völlig überflüssig. Da auch Rückenschmerzen von verspannten Muskeln ausgehen und nicht etwa von der Wirbelsäule oder den Bandscheiben, sind sie nicht durch Operationen zu beseitigen. Das erklärt die Enttäuschung vieler Patienten, die sich auch nach eigentlich geglückten Operationen weiterhin mit Schmerzen herumschlagen.

Wie die Knochen werden auch die Bandscheiben meist zu Unrecht als Schmerzverursacher angeklagt. Diese Fehldiagnose ist so populär, dass selbst Laien heute eher erzählen, sie hätten es mit den Bandscheiben, als zu sagen, dass sie Rückenschmerzen haben. Tatsächlich drücken die Muskeln die Wirbel so zusammen, dass Bandscheiben heraus gedrückt oder aufgearbeitet werden können. Die meisten dieser Vorgänge verlaufen jedoch nicht in Gestalt eines akuten Schmerzanfalls oder einer dramatischen Lähmung (wenn der Vorfall so ungünstig liegt, dass er auf einen Nerv drückt), sondern laufen gänzlich unbemerkt ab.
Man kann an vielen Wirbelsäulen aufgearbeitete Bandscheiben sehen, ohne dass die Betreffenden an diesen Stellen Schmerzen haben. Es handelt sich um eine Scheinkorrelation: die Orthopäden haben immer nur Menschen mit Schmerzen untersucht. Da sie bei diesen in großer Häufigkeit Bandscheibenschäden fanden, schlossen, sie, dass dies die Ursache der Schmerzen sei. Röntgt man aber Menschen ohne akute Schmerzzustände, findet man ebenfalls Bandscheibenschäden.
Bandscheibenvorfälle lassen sich natürlich operieren, aber sie verursachen im Allgemeinen keine Rückenschmerzen, sondern, wenn sie unglücklich gelagert sind, eher Nervenschmerzen im Bein oder Arm. Oft erübrigen sich aber auch solche Operationen, da durch körpertherapeutische Verfahren die Bandscheiben wieder an ihren Platz zurück rutschen können. Bandscheibenschäden verursachen also nicht den Rückenschmerz, sondern beide sind durch Dauerkontraktionen in der Muskulatur verursacht. Da auch Wirbel von den ungleich angezogenen Muskeln in eine Fehlstellung gebracht werden, hilft das so genannte Einrenken, wenn überhaupt, dann meist nur kurzfristig. Wird nämlich nicht gleichzeitig die Muskelfehlspannung behoben, wandern die Wirbel wieder in ihre alte Fehlstellung zurück.
Wärmeanwendungen können dagegen sehr wohl schmerzlindernd wirken, da sich Muskeln und Bindegewebe / Faszien bei Wärme ausdehnen und entspannen. Bei Kälte dagegen ziehen sie sich mehr zusammen, was den Schmerz verschlimmert (daher die Reaktion bei Wetterwechsel). Nur, wenn es bereits zu Entzündungen gekommen ist, ist eher Kälte als Wärme zur Schmerzlinderung angesagt.

Eine alternative Erklärung führt zu einer alternativen Behandlung

Wenn also die Ursache all dieser Schmerzen und Einschränkungen im Bewegungsapparat direkt oder indirekt an verspannten Muskeln liegt, so wird man sich fragen, wie es zu solchen ständigen Verspannungen kommt. Man hält die Muskeln ja nicht ständig bewusst angespannt.
Normalerweise sind wir gewohnt, dass unsere Skelettmuskulatur unserem Willen gehorcht. Wir wollen zum Beispiel zur Post gehen und setzen unsere Beine in Bewegung oder wir haben vor, etwas aus dem Schrank zu holen und führen dazu unseren Arm aufwärts. Bei all diesen willkürlichen Bewegungen müssen wir immer jeweils mindestens einen Muskel kontrahieren (härter und kürzer werden lassen) und mindestens einen anderen - den Gegenspieler des ersten - entspannen (länger werden lassen). Für die gegenläufige Bewegung, also zum Beispiel den Arm wieder herunter nehmen, kehren sich die Verhältnisse um. Über diesen Mechanismus verfügen wir selbstverständlich und ohne nachzudenken. Erst wenn wir Schmerz oder Steifigkeit empfinden, merken wir, dass das nicht mehr so ohne weiteres funktioniert.

Wenn wir aber zum Beispiel erschrecken oder auf einer Bananenschale ausrutschen, erfolgen blitzartige Bewegungen, die offensichtlich nicht von unserem Bewusstsein gewollt und geplant sind. Beobachten wir unsere Bewegungen im Alltag, so stellen wir fest, dass längst nicht alle immer unserer Steuerung bedürfen: Wir richten uns unwillkürlich so aus, dass wir uns im Gleichgewicht befinden, wir führen viele Bewegungen automatisch oder halbautomatisch aus (beispielsweise beim störungsfreien Autofahren). Für all diese Arten von Bewegungen ist nicht unser sensomotorischer Cortex (der Teil des Gehirns, der unsere willentlichen, bewusst ausgeführten Bewegungen steuert) zuständig, sondern andere, tiefer liegende Hirnschichten, die sich unserem Bewusstsein gewöhnlich entziehen: hier sind Gewohnheiten und Reflexe gespeichert - und zwar auch solche, die von Gefühlen ausgelöst werden.
Die Grenze zwischen Körper und Seele verschwimmt dabei. Wenn wir zum Beispiel erschrecken, ist das nun ein seelischer oder ein körperlicher Vorgang? Wenn wir abends gestresst von der Arbeit kommen, ist das ein körperliches oder ein seelisches Empfinden? Man wird es nicht trennen können, denn es ist beides. Sowohl beim Erschrecktsein als auch beim Gestresstsein haben unsere unbewussten Hirnareale ohne Zutun unseres Bewusstseins Muskeln angespannt, und wir fühlen uns so oder so unangenehm.
Kommt es immer wieder zu Schreck oder Stress, entstehen Dauerkontraktionen in der Muskulatur, die notwendige Entspannung unterbleibt. Nach und nach gräbt sich ein unbewusstes Verspannungsmuster im Gehirn ein. Äußerlich ist dieses Muster meist an der Haltung des Betreffenden sichtbar. Bei Schreck, Angst oder Sich-nicht-zutrauen, bei allem, was uns in uns selbst zurückziehen lässt, entsteht schließlich eine gebeugte Haltung. Das heißt, dass vor allem die Bauch und Brustmuskeln chronisch angespannt sind.

unbewusstes Verspannungsmuster

Wenn wir uns Sorgen machen, ziehen sich unwillkürlich die Muskeln an der Vorderseite des Körpers zusammen. Das ist die Hauptursache von Rücken-, Kopf-, Nacken- und Armschmerzen (und von Depressionen).

Meist wird eine solche Haltung für ein Zeichen von Schwäche oder 'sich-gehen-lassen' gehalten. Dies ist jedoch keineswegs der Fall, wovon man sich leicht durch Berühren der betreffenden Muskelpartien überzeugen kann. Das künstliche ,,halte Dich gerade!" (das im Allgemeinen als Gegenmittel eingesetzt wird) hat nur zur Folge, dass der Verspannung vorne noch eine Verspannung der Rückenmuskeln entgegengesetzt wird - somit ist der Betreffende nun doppelt verspannt. Hilfe kann nur durch eine Lockerung der Bauch- und Brustmuskulatur kommen. Auch 'Brust raus - Bauch rein!" ist keine gute Haltung. Wir züchten uns damit im Gegenteil Kreuzschmerzen und Atemprobleme.
Bei Stress, bei Leistungsdruck, immer wenn wir uns innerlich wappnen, standhalten, uns behaupten - kontrahieren wir unwillkürlich die Rückenmuskulatur und die Streckmuskulatur in den Oberschenkeln. Es entsteht eine Hohlkreuzhaltung mit durchgedrückten Knien. Auch ein Hohlkreuz ist also - wie jede andere Fehlhaltung etwas, das wir (wenn auch unbewusst) tun, nicht etwas, das wir haben. Daher ist es auch erlernbar, es nicht mehr zu tun, das heißt, die Muskeln nicht mehr so anzuspannen.

Hohlkreuz

Ein Hohlkreuz ist etwas, was man nicht hat, sondern tut. Man zieht dabei unbewusst die Rücken- und Oberschenkelmuskulatur an. Das ist die Hauptursache von Kreuz- und Knieschmerzen

Unfälle, einseitige Verletzungen, Operationen und andere traumatische Ereignisse führen zu unwillkürlichen Schonhaltungen, die uns mehr nach einer Seite geneigt oder verdreht sein lassen und entsprechende Belastungen für bestimmte Gelenke darstellen. Wie die beiden anderen Schutzhaltungen wird auch diese als Dauerkontraktion der Muskulatur beibehalten - auch wenn der Auslöser, zum Beispiel das gebrochene Bein, längst vorbei ist.

Schiefhaltungen

Nach Unfällen und Operationen entwickeln sich oft bleibende Schiefhaltungen. Das ist die Hauptursache von einseitigen Hüft-, Knie- und Schulterschmerzen.

Schließlich können wir uns auch durch ,,dumme Angewohnheiten", allgemeinen Bewegungsmangel, wie auch meist berufsbedingte Fehlhaltungen Dauerkontraktionen der Muskulatur beibringen, die sich dann durch Schmerz bemerkbar machen. So sitzen beispielsweise viele vornüber gebeugt mit abgewinkeltem Nacken etliche Stunden am Tag vor dem Computer und wundem sich dann, wenn ihnen abends der Nacken oder sogar der ganze Rücken schmerzt. Auch hier könnte man natürlich ein HWS-Syndrom konstatieren.

Bewegen und spüren heißt die Devise

Das Tückische an all diesen - wie auch immer entstandenen - Fehlhaltungen ist, dass ihre Entwicklung unmerklich vor sich geht, und dass sie sich für den Träger als absolut ,,richtig" und ,,gerade" anfühlen. Die Betroffenen haben keine Ahnung davon, dass sie einen Teil ihrer Muskulatur chronisch angespannt halten. Sie merken nur irgendwann, dass ihnen der Rücken, die Knie, die Schulter, der Nacken, die Hüfte oder etwas anderes schmerzt. Denn es ist - um mit Thomas Hanna zu sprechen - eine ,,sensomotorische Amnesie" entstanden. Das heißt, der bewusste Teil des Gehirns weiß nicht mehr, wie bestimmte Muskeln sich anfühlen oder bewegen lassen.
Unbewusst dauerkontrahierte Muskeln sind nämlich im Alltag aus der Bewegung ausgeschlossen, wodurch andere Muskeln überstrapaziert werden. Dies wiederum ist eine Quelle von Schmerzen. So werden zum Beispiel statt des Schultergürtels nur noch die Arme bewegt oder statt des Beckens nur noch die Beine. Schließlich versteift allmählich die gesamte Rumpfmuskulatur, und es werden mühsam nur noch die Extremitäten bewegt. Das ist der Zustand, der dann gewöhnlich für "das Alter" gehalten wird: Unbeweglichkeit und Schmerz. Tatsächlich hat man nur, je älter man wird, auch um so mehr Gelegenheit, sich solche Dauerkontraktionen zuzulegen, zumal, wenn man einer internalisierten Rollenerwartung folgend mit zunehmendem Alter in Unbeweglichkeit verfällt.
Schmerz und Unbeweglichkeit steigern sich schließlich gegenseitig in die Höhe. Nicht selten bilden sich an den Hauptverspannungsstellen so genannte ,Myogelosen oder Triggerpunkte, punktuelle Verhärtungen in der Muskulatur und im Bindegewebe, die mit - geübten - Fingerspitzen tastbar sind. Sie sind sehr druckschmerzhaft und veranlassen ihrerseits wiederum die Muskulatur zur Kontraktion. Bei mikroskopischer Analyse dürften sich hier nicht selten Stoffwechsel - Abfallprodukte eingeschlossen finden.
Myogelosen bilden sich häufig im Anschluss an Prellungen, oder wenn ein Muskel längere Zeit ungenügend oder gar nicht bewegt wurde, z.B. bei Fehlhaltungen oder auch, wenn ein Arm oder Bein längere Zeit in Gips war. Dadurch wird auch die lokale Durchblutung und Ver- und Entsorgung des Gewebes schlechter. Häufig kann man von außen kalte Stellen fühlen. Es ist dann eine strukturelle Veränderung des Muskels erfolgt.
Die gute Nachricht: Gegen all diese Schmerzzustände lässt sich etwas unternehmen. Sie müssen keinesfalls als Schicksalsschläge, Alters- oder Abnutzungserscheinungen ertragen werden. Man braucht sie auch nicht zu operieren oder die betroffenen Gelenke durch künstliche ersetzen lassen. Was aber kommt als Behandlung in Frage? Als Leser dieser Zeitschrift werden Sie vielleicht zunächst an eine Ernährungsumstellung denken. Das kann tatsächlich in manchen Fällen helfen, wenn sich zum Beispiel Kalk oder Harnsäureablagerungen gebildet haben. Nur leider beseitigt das, wie viele Rohköstler an sich leidvoll festgestellt haben werden, oft nicht alle Schmerzen.
Eine Fehlhaltung verschwindet nicht durch Ernährungsumstellung. Diese muss durch eine Bewegungsumstellung ergänzt werden. Selbst die Myogelosen und Stoffwechselrückstände lösen sich oft nicht allein durch bessere Ernährung. Vielmehr haben sich oft solche Verhärtungen und Gewebeverklumpungen gebildet, dass man äußerlich nachhelfen muss. Zwar sind normale Massagen hierbei unwirksam, doch kann man durch (schmerzhafte) punktuelle Druckmassagen die Verhärtungen auflösen. Dadurch lassen sich strukturell, peripher bedingte Muskelkontraktionen beseitigen.
Bei den - wie auch immer entstandenen - Fehlhaltungen handelt es sich dagegen um funktionell, zentral bedingte Störungen. Sie lassen sich am besten durch gezielte Bewegungen, Entwicklung von Körperbewusstsein und Haltungsumlernen auflösen.

Dabei geht es nicht wie im Leistungssport darum, möglichst viel, möglichst schnell, möglichst weit zu bewegen, sondern möglichst konzentriert, gezielt und langsam genau die Muskeln zu bewegen, die man sonst unbewusst in Dauerkontraktion hält.
Hierfür eignet sich besonders ,,Hanna Somatics"; eine Körpertherapie, die aus USA kommt und in Deutschland leider noch (nicht) weit verbreitet ist. Es handelt sich um eine Weiterentwicklung der Feldenkraismethode. Thomas Hanna, der Begründer der Methode, geht von folgenden neurophysiologischen Überlegungen aus: Wenn bei einem Menschen Muskeln unwillkürlich verspannt sind, kann er sie nicht bewusst entspannen. Wenn ich ihm sagen würde: "Diese Muskeln sind doch viel zu hart, lockern Sie sie doch!", so würde er mich nur fragend anschauen: "Ja, wie denn?"

Auch bewusstes Dehnen des unbewusst zu kurz gehaltenen Muskels (was in der traditionellen Krankengymnastik viel versucht wird) hat demnach wenig Sinn. Denn dabei versuchen wir, mit unserem bewussten Bewegungssystem gegen die unbewusste Anspannungshaltung anzugehen: ein Kampf, den wir immer verlieren werden. Man kann dem Schmerzgeplagten aber den betroffenen Muskel zeigen, diesen fühlbar machen, ihn seine Bewegungsmöglichkeiten veranschaulichen und ihn dazu veranlassen, den Muskel zunächst noch stärker zu verkürzen und ihn dann allmählich mit Hilfe des Therapeuten immer weniger anzuspannen, bis er schließlich entspannt ist.
Hierzu werden in der Einzelbehandlung hauptsächlich so genannte ,,pandiculations" durchgeführt, bei denen der Klient spüren lernt, was sein Muskel gerade tut, indem ihm der Therapeut exakt dosierten Gegendruck gibt. Dadurch lernt er, die sensomotorische Amnesie zu überwinden, den Muskel wieder bewusst zu beherrschen - und ihn damit auch zu entspannen. Dieses Wiedererlernen der bewussten Steuerung der Muskulatur wird als ausgesprochen wohltuend empfunden.

In vielen Fällen erweist sich eine Kombination der beiden Verfahren (Hanna Somatics und Myogelosen-Behandlung) am wirkungsvollsten. Damit schwindet der Schmerz und der Betroffene fühlt sich insgesamt wohler und wird beweglicher. Da ein verspannter Muskel sich selbst und die nachfolgenden Muskeln in der Durchblutung und Durchlymphung behindert, indem er die Gefäße abklemmt und beengt, bewirkt eine Deblockierung gleichzeitig eine bessere Durchblutung und Durchlymphung. Der Betroffene spürt, dass die behandelte Gegend sich wärmer, weiter, weicher, lebendiger anfühlt.
Man geht mit den beiden Methoden alle am unbewussten Verspannungsmuster beteiligten Muskeln durch (und nicht nur diejenigen, auf die sich der Schmerz konzentriert), um so das gesamte Verspannungsmuster im Muskel und im Gehirn aufzulösen und ein neues schmerzfreies Bewegungsmuster aufzubauen.

Später erlernt der Klient (angenehm auszuführende) spezifische somatische Übungen, die man während und nach der Behandlungszeit zu Hause ausführt, und lernt schließlich, auch die Alltagsbewegung entsprechend umzustellen (z.B., wieder richtig zu laufen, zu atmen, zu sitzen). Man lernt, wieder zu spüren, was man tut. Dadurch bleiben Schmerzfreiheit, Beweglichkeit und Wohlbefinden auf Dauer erhalten, zumal man sich dann insgesamt wieder mehr bewegt, weil es wieder mehr Spaß macht.
Die ganze Prozedur dauert meist nur etwa 10 Behandlungsstunden, die in wöchentlichen Abständen absolviert werden (individuell natürlich unterschiedlich). Die aktive Mitarbeit des Klienten ist eine Grundvoraussetzung dabei. Viele tun das aber auch sehr gerne, denn es ist sehr interessant, seinen eigenen Körper kennen zu lernen, viel interessanter, als sich eine Spritze verpassen zu lassen. Damit wird - ganz ohne Apparate und Chemie - Schmerz in jedem Alter heilbar,
Beweglichkeit und Lebensfreude in jedem Alter möglich.

Literatur:

Feldenkrais, Moshe: Body and Mature Behaviour
Routledge and Kegan Paul, London 1949, Reprint: Alef, Tel Aviv 1989.
Juan, Deane: Körperarbeit. Knaur München, 1993.
Hanna, Thomas: Beweglich sein - ein Leben lang, Kösel, München, 1989.
Lange, Max: Die Muskelhärten (Myogelosen), Lehmanns, München 1931.
Travell, Janet G. and Simons, David, G... Myofascial Pain and Dysfunction, The Triggerpoint-Manual, Vol. 1 and 2., Williams and Wilkins, 1983 bzw. 1992

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Das Konzept der Sensomotorischen Körpertherapie nach Dr. Pohl®

Zusammenfassung:
Dieser Text enthält einen kurzen Abriss

  1. der neurobiologischen Grundlagen der Sensomotorischen Körpertherapie nach Dr. Pohl®
  2. der einzelnen Methoden, die zur Sensomotorischen Körpertherapie nach Dr. Pohl® gehören
  3. der Indikationen, das heißt der Beschwerden, bei denen die Sensomotorische Körpertherapie nach Dr. Pohl® anwendbar ist
  4. der Besonderheiten und der Erfolgsaussichten der Methode.

Die Sensomotorische Körpertherapie nach Dr. Pohl® geht von der neurobiologischen Tatsache aus, dass sich Sensorik und Motorik im Körper gegenseitig steuern und zusammen ein einziges System darstellen, das alle unsere willkürlichen wie unwillkürlichen Aktionen wie Reaktionen beinhaltet. Dieser sensomotorische Zusammenhang ist uns relativ bewusst, was unsere Sinnesempfindungen Sehen, Hören und Riechen angeht. Wie bewegen ganz selbstverständlich unseren Kopf und Körper dahin, wo wir etwas sehen, hören oder riechen wollen, d.h. wir bringen mit Hilfe der Motorik das entsprechende Sinnesorgan in Richtung der Reizquelle. Umgekehrt bedienen wir uns dieser Sinnesorgane, um unsere Bewegung zu steuern:
z. B. der Augen, um einen Faden in eine Nadel zu fädeln; der Ohren, um zu sprechen, zu singen oder Klavier zu spielen usw. Weniger bekannt als Sehen, Hören, Riechen und Schmecken ist uns in diesem Zusammenhang das Spüren, die Somatosensorik, das heißt alles, was wir mit Hilfe winziger Rezeptoren wahrnehmen, die an das Nervenssystem angeschlossen sind und sich in der Haut, in Muskeln, Sehnen, Knochen und Gelenken befinden. Dazu zählen Wärme-, Kälte-, Schmerz-, Tast-, Berührungsempfindungen ebenso wie die Propriozeption, also die Körpereigenwahrnehmung, die bei Bewegung registriert werden kann. Die Propriozeption bildet für die meisten von uns eine so selbstverständliche Hintergrundmusik unseres Lebens, dass wir sie kaum registrieren. Nur um eine Hand zu heben, nach einer Tasse zu greifen und diese zum Munde zuführen, läuft bereits ein riesiger Informationsstrom von diesen Somatosensoren zum Rückenmark und Gehirn und zurück, das meiste davon an unserem bewussten Erleben vorbei. Zu diesen propriozeptiven Empfindungen zählt auch das, was wir gemeinhin als Gefühle oder seelische Vorgänge bezeichnen. Die Rezeptoren hierfür müssen sich im Bereich der Atemmuskulatur befinden. Auf alles, was für den Organismus schädlich oder bedrohlich ist, reagiert dieser mit einem Zusammenziehen von Muskeln und Bindegewebe, indem er sich von der Reizquelle abwendet und dicht macht. Dieses zusammenziehen, das die freie Beweglichkeit einschränkt, wird als unangenehm empfunden, trägt eine negative Gefühlsqualität. Auf alles, was für den Organismus von Vorteil ist, reagiert er mit einem körperlichen Öffnen, einem Lösen von Muskeln und Bindegewebe, was zu freier Beweglichkeit führt und als angenehm empfunden wird. Dem Hirn wird via Rezeptoren und Nervensystem eine positive Gefühlslage vermittelt.

Das führt zu folgender Sichtweise von "Körper und Seele":
Unseren Empfindungen und Gefühlen liegen körperliche Vorgänge zugrunde.
Bei einer Verletzung (manchmal auch bei einer Operation) wie bei jedem anderen bedrohlichen oder belastenden Ereignis oder einer entsprechenden Vorstellung reagiert stets der ganze Organismus: er zieht sich an bestimmten Stellen zusammen (Motorik) und wir empfinden an diesen Stellen ein unangenehmes Gefühl, zum Beispiel Schmerz, Angst, Übelkeit oder sonst eine Missempfindung (Sensorik). Körper und Seele sind dabei nicht zu trennen.

Umgekehrt reagiert auch der ganze Organismus, wenn ihm ein Ereignis oder die Vorstellung davon zusagt und Gutes für ihn verspricht: es kommt zur Entspannung in Muskeln und Bindgewebe (Motorik), und wir empfinden Erleichterung, Freude, Liebe, Hoffnung (Sensorik) usw. Sowohl die motorischen wie die sensorische Vorgänge laufen natürlich über Gehirn und Nervensystem, aber der Ort der Empfindung wie auch derjenige der Erstarrung oder Bewegung ist nicht das Gehirn, denn das Gehirn hat selbst weder empfindende noch bewegende Zellen, es verarbeitet vielmehr die sensorischen Informationen aus der Peripherie und steuert die motorischen Impulse, die in der Peripherie stattfinden. Daher können wir auch die Stelle angeben und am Körper lokalisieren, wo wir uns freuen, Angst oder Schmerz usw. empfinden. Die positive wie die negative Empfindung hat einen (körperlichen) Ort ebenso wie die Erstarrung bzw. die freie Beweglichkeit. Wir empfinden dort etwas, wo die Rezeptoren reagieren. Selbstverständlich laufen bei all diesen sensomotorischen Veränderungen im Körper auch chemische Prozesse ab, worauf zum Beispiel die Wirkung von Schmerzmitteln und Psychopharmaka beruht. Andererseits kann man davon ausgehen, dass mit veränderter Motorik und Sensorik auch veränderte chemische Prozesse einhergehen.
Im gesunden Fall sind alle Änderungen, also Missempfindungen und Spannungserhöhung einschließlich der chemischen Prozesse vorübergehend. Das heißt, es schmerzt, wir ärgern uns, fühlen uns gestresst, ängstigen uns, fühlen uns niedergeschlagen, usw., und leiten via Muskulatur entsprechende Handlungen ein. Anschließend entspannen wir uns wieder und fühlen uns dann wieder o. k. . Es bleibt nichts zurück. Im unguten Fall aber, wenn die Belastung zu stark oder zu lange war oder zu oft wiederholt wurde, entstehen in Muskulatur und Bindegewebe / Faszien unwillkürliche Dauerkontraktionen, die sich selbst im Schlaf oder bei Ereignissen, die eigentlich als positiv empfunden werden müssten, nicht lösen. Es bildet sich am Ort der Dauerkontraktion eine Art Gedächtnis für Negatives, das dynamisch, nicht statisch zu sehen ist. Es handelt sich also nicht einfach um einen Speicherungsvorgang im Gehirn oder an der Peripherie, sondern um umlaufende Informationen zwischen Gehirn und Peripherie. Es kommt dabei zu einer zunehmenden Sensibilisierung der Rezeptoren an der betroffenen Stelle im Körper. Das heißt: die dauerkontrahierte Stelle wird empfindlicher für alle negativen Reize, schon kleine Irritationen können jetzt zu starken Reaktionen führen. So kann zum Bespiel schon ein Hauch von Kälte oder schon die Vorstellung einer Situation, die in der Vergangenheit Angst oder Schmerz hervorgerufen hat, zu einer verstärkten Kontraktion an der betreffenden Stelle führen und die entsprechende Missempfindung auslösen bzw. verstärken. Es entsteht an der betreffenden Stelle also ein Teufelskreis von Übersensibilität und Überreaktion, was man schon daran merken kann, dass die dauerkontrahierte Stelle sich von außen hart anfühlt und auf manuellen Druck mit starkem Schmerzempfinden reagiert. Der gleiche Druck an dieser Stelle würde bei einer gesunden Person keinerlei Schmerz auslösen, nur die normale Druckempfindung.

An den verspannten und überempfindlichen Stellen entstehen die chronischen Schmerzen, ebenso wie die "psychischen" und "psychosomatischen" Beschwerden. Das heißt, man kann chronische Schmerzen genauso wie Ängste, Depressionen, Panikattacken, Schwindel, Übelkeit, und alle übrigen Beschwerden, für die man keine organische Ursache finden kann (wie Atemstörungen, Reizblase, Herzstechen, -Stolpern, -Rasen, Magenschmerzen, Durchfall und Darmkrämpfe etc.), als Störungen im Sensomotorischen System begreifen. Wenn die Atemmuskulatur mit reagiert, schützt und wappnet sich der ganze Organismus auf der ganzen Linie und ist auf der Hut, was als negative Erwartungsseinstellung und Defensiv- und Rückzugsstrategie erscheint.

Bei all diesen Beschwerden gibt es eine sensorische Störung, eine Missempfindung (egal ob es sich jetzt um einen Schmerz, eine Angstempfindung oder was auch immer handelt) und eine motorische Störung, das heißt bei all diesen Beschwerden kann man (durch Erspüren) Verspannungen in Muskulatur und/oder im Unterhautbindegewebe finden, die die Bewegung an dieser Stelle beeinträchtigen. Und damit findet man auch eine greifbare körperliche Veränderung. Es gibt also bei allen psychischen und psychosomatischen Beschwerden einen auch für andere feststellbaren körperlichen Befund. Was rein von innen bedingt scheint, kommt in Wirklichkeit von außen. Bei Herzbeschwerden kann man zum Beispiel, da, wo der Patient seine Beschwerden zeigt, außen in der Atemmuskulatur Verspannungen finden und man kann sehen, dass sich an dieser Stelle der Brustkorb bei der Atmung nicht mitbewegt.

Auch bei allen chronischen "orthopädischen" Beschwerden, also vor allem chronischen oder immer wieder kehrenden Schmerzen im "Bewegungsapparat", ebenso wie bei Bewegungseinschränkungen lassen sich solche Dauerkontraktionen in Muskulatur und/oder Bindegewebe / Faszien finden. Die röntgenologisch feststellbaren Veränderungen wie Wirbelsäulenverkrümmung, Arthrosen, Bandscheibenveränderungen, Meniskusschäden etc. sind nicht Ursache der Schmerzen, sondern ebenso wie die Schmerzen Folge der permanenten Verspannung, die sich unter entsprechender Belastung noch erhöhen kann.

Indikationen für die Sensomotorische Körpertherapie nach Dr. Pohl ® sind demnach:

Chronische Schmerzen jedweder Lokalisation, also Kopfschmerzen, Gesichts- oder Kieferschmerzen, Zahnschmerzen ohne Befund, genauso wie Arm-, Bein-, Knie-, Hüft-, Nacken-, Rücken-, Gesäß- oder Fußschmerzen, chronische Halsschmerzen, Bauchschmerzen ohne Befund, Magenschmerzen, Herzschmerzen ohne Befund etc.

funktionelle Erkrankungen wie trockene und tränende Augen, funktionelle Sehstörungen, Konzentrations- und Gedächtnis- und Denkstörungen, chronische Müdigkeit und Schlafstörungen, Heuschnupfen, verstopfte Nase, Hörsturz und andere funktionelle Hörstörungen, Gefühl von Kloß im Hals und andere Druckempfindungen wie Druck auf der Brust, Atemstörungen (wie allergisches und entzündliches Asthma, Apnoe), Reizhusten, Heuschnupfen, Schwindel, Schluckstörungen, Herzbeschwerden, Magenbeschwerden, Sodbrennen, Darmkrämpfe, Übelkeit, Essstörungen, , Blasenbeschwerden, sexuelle Funktionsstörungen, so genannte "chronische Prostatitis", Missempfindungen an den Gliedmaßen oder im Gesicht wie "Taubsein", Kribbeln, Jucken, usw.

Bewegungsstörungen wie Fehlhaltungen, Gang- und Greifunsicherheit, Kiefersperre, Bewegungseinschränkungen der Gliedmaßen (z.B. Arm lässt sich nicht mehr heben oder man kann nicht mehr in die Hocke gehen), Torticollis (Schiefhals), Blepharospasmus, Schreibkrampf und andere fokale Dystonien, Stimm- und Sprachstörungen, Tics, , Neigung zu Hexenschuss und Muskelkrämpfen, Fußdeformationen wie Senk-, Knick-, Spreiz- und Plattfüße usw.

Depressionen wie depressive Verstimmungen, Erschöpfungszustände, "Burn-out", Kraftlosigkeit, Verlangsamung und Bewegungsunlust, Initiativelosigkeit, sozialer Rückzug,"schwarze" Gedanken bis zur Selbstmordneigung

Angst- und Panikzustände, auch Phobien und diffuse, frei flottierende Angstzustände, innere Unruhe und Gefühl der Getriebenheit, ständige Aufgeregtheit, Zwänge usw.

Diese fünf Gruppen von Beschwerden kommen - wie jeder Praktiker bestätigen wird - sehr häufig zusammen vor und zwar in immer anders gearteten Kombinationen. Das heißt, man wird zum Beispiel kaum einen Depressiven finden, der nicht auch Angst, Schmerz oder irgendwelche psychosomatische Beschwerden hat. Auch kann man kaum über lange Zeit starke Schmerzen haben, ohne in irgendeiner Weise depressiv und bewegungseingeschränkt zu werden. Angstzustände wiederum gehen häufig mit funktionellen Herzbeschwerden und/oder Schwindel einher. Individuell gibt es ganz verschiedene Störungen (kein Kopfschmerz gleicht zum Beispiel einem anderen) und Kombinationen von Störungen, so dass jeder Patient je nach individueller Vorgeschichte seine eigene Krankheit hat.
Das Auftreten solcher Kombinationen von Beschwerden ist im Konzept der Sensomotorischen Körpertherapie leicht verständlich, da ja alle diese Störungen auf unwillkürlichen muskulären Dauerkontraktionen beruhen. Außerdem gibt es bei vielen dieser Beschwerden Fehlhaltungen, die entstanden sind, um zum Beispiel einem Schmerz auszuweichen, und die ihrerseits wieder zu neuen Beschwerden führen. So kommt nicht selten ein Rattenschwanz von Beschwerden zusammen, die sich in kein gängiges Krankheitsschema fügen lassen.

Die Bedeutung der frühen Kindheit für die Genese all dieser Störungen relativiert sich. Das heißt, man kann davon ausgehen, dass bei extrem negativen Kindheitserfahrungen sich die Betreffenden bereits in ihrer Kindheit so zusammen gezogen haben, dass es zu Dauerkontraktionen gekommen ist. Dieser Ausgangsstatus erhöht die Anfälligkeit für entsprechende Erkrankungen bei Belastungen im Erwachsenenalter. Man wird nicht davon ausgehen, dass sich die Depression, Angst, psychosomatische Störung auflöst, wenn dem Betreffenden die Entstehungsgeschichte klar wird. Ebenso wenig würde man erwarten, dass sich eine schmerzende Stelle am Bein gibt, wenn jemandem klar wird, dass sie auf eine Prellung bei einem Unfall vor langen Jahren zurück zu führen ist (was häufig vorkommt).
Und natürlich können auch Ereignisse im Erwachsenenalter - mit oder ohne frühkindliche Vorschädigung - eine Depression oder einen Beinschmerz auslösen. Bei der Depression kommt hierfür alles in Frage, was zur Verspannung der Atemmuskulatur beiträgt, zum Beispiel auch Bauchoperationen oder ein Schleudertrauma. Bei den Beinschmerzen kommen als Ursachen in Betracht: Fehlhaltungen, "dumme Angewohnheiten" wie das Stehen mit Standbein und Spielbein, alte oder neue Verletzungen wie Prellungen oder Brüche, falsches Schuhwerk etc.).
Was schließlich hilft, ist im Falle der Depression wie im Falle des Beinschmerzes, dass man die Dauerkontraktionen auflöst, die in der frühen Zeit ihren Anfang nahmen und heute noch fortbestehen, oder die sich erst in jüngster Zeit gebildet haben. Die Stellen, die man hierfür bearbeiten muss, sind bei Depression und Beinschmerz natürlich völlig verschieden, aber das Prinzip ist dasselbe.

Die Bedeutung des Alters relativiert sich ebenfalls. Es ist nicht das höhere Lebensalter selbst, das uns so viele Beschwerden beschert wie schmerzende Hüften, wacklige Beine, einen steifen Rücken und mangelnde Lebenslust. Vielmehr haben wir - je älter wir werden, umso mehr Gelegenheit, uns Dauerkontraktionen zuzulegen, die diese Beschwerden hervorrufen. Alles, was wir im Laufe unseres Lebens an Leid, Stress, Belastung, Unfällen, Verletzungen erfahren haben, alles was wir uns als Bewegungsmangel und schlechte, einseitige Angewohnheiten zugelegt haben, ist in unserer Körperorganisation in Form von Dauerkontraktionen gespeichert. Das ist bei einem älteren Menschen im Allgemeinen mehr und chronifizierter als bei einem jungen.
Da aber der prinzipielle Entstehungsmechanismus bei Alt und Jung genau der gleiche ist, spielt das Alter für die Behandlung keine Rolle und es ist durchaus möglich, selbst über 90 jährige noch erfolgreich körpertherapeutisch zu behandeln, wenn es auch oft etwas länger dauert als bei den jüngeren Patienten.

Elemente und Wirkungsweise der Sensomotorischen Körpertherapie:

Die Sensomotorische Körpertherapie geht davon aus, dass sich alle die oben erwähnten Beschwerden - sowohl auf der sensorischen Seite, also derjenigen der Missempfindungen, wie auf der motorischen Seite fünf verschiedener, ineinander greifender Verfahren die Dauerkontraktionen in Muskulatur und Bindegewebe / Faszien auflöst. Es handelt sich um folgende Verfahren:

Pandiculations nach Thomas Hanna. Darunter versteht man das willkürliche stärkere Anspannen unwillkürlich verspannter Muskulatur und das Durchlaufen aller Anspannungs- und Entspannungsgrade bis zur völligen Entspannung durch entsprechendes körperliches Feedback seitens des Therapeuten.

Aktive Triggerpunktbehandlung. Darunter versteht man die (schmerzhafte) Behandlung von druckempfindlichen tastbaren Verhärtungen in der Muskulatur bei gleichzeitiger aktiver Bewegung des betreffenden Muskels, der dadurch ebenfalls aus den Dauerkontraktionen befreit wird.

Bindegewebsbehandlung. Dabei arbeitet man das Bindegewebe / Faszien an den betroffenen Stellen mit rollenden Bewegungen zwischen den Fingern durch (was an diesen Stellen ebenfalls schmerzhaft ist). Das führt direkt zu einem weicheren, weiteren und flexibleren Bindegewebe / Faszien und indirekt zu weicheren und reaktionsbereiteren Muskeln. Im Unterschied zur üblichen Bindegewebsmassage ist die Bindegewebs- / Faszienbehandlung der Sensomotorischen Körpertherapie punktueller, gezielter und zielt wie die anderen Verfahren der SMKT auf größere Beweglichkeit.

Körperbewusstseinstraining. Hierbei bringt man die Patienten dazu, zu spüren, wie und was sie in ihrem Alltag jeweils unwillkürlich angespannt halten und wie sie selbst aus solche Verspannungen wieder herauskommen bzw. sie überhaupt vermeiden können.

Sensomotorische Übungen. Diese Übungen, die der Patient zuhause ausführen soll, werden ebenfalls mit großer Bewusstheit ausgeführt und dienen dazu, Beweglichkeit und Achtsamkeit des Patienten zu erhalten. Man kann die Übungen auch in der Gruppe erlernen.

Erreicht wird mit all diesen Maßnahmen, dass sich die Dauerkontraktionen auflösen und ihre Wiederentstehung verhindert wird. Dadurch löscht man an den entsprechenden Stellen das negative Körpergedächtnis, die Beschwerden verschwinden ebenso wie die negativen Erwartungen und es stellt sich eine freie Beweglichkeit und ein wohliges Empfinden (wieder) her. Das heißt, es löst sich die Missempfindung (Schmerz, Angst, Schwindel, Übelkeit oder was auch immer), die Sauerstoffversorgung wird besser und die Betreffenden fühlen sich befreit und kommen von ganz allein wieder auf Ideen, was sie alles unternehmen könnten. Sie werden bewegungsfreudiger, unternehmungslustiger und kontaktfreudiger. Die natürliche Selbstorganisation stellt sich wieder her.

Das Besondere an der Sensomotorischen Körpertherapie
nach Dr. Pohl® ist:

1. dass sie sehr individuell ist, das heißt man behandelt jeden Patienten entsprechend genau seinem individuellen Beschwerdebild, und führt keinerlei schematische Behandlungen durch

2. dass sie sehr präzise ist (sehr viel präziser als die Verfahren Rolfing, Feldenkrais, Craniosakral etc, denen sie in manchem ähnelt), das heißt, man kann genau sagen, warum man bei welchem Patienten gerade genau dieses und jenes und nicht etwas anderes tut. Die Präzision beruht auf einer genauen Kenntnis der funktionellen Anatomie, d.h. der Behandler muss wissen, welche Muskeln sich bei welcher Alltagsbewegung (z.B. gehen, greifen, atmen) in welcher Phase und unter welcher Schwerkraftbedingung kontrahieren und vor allem, welche sich dabei entspannen müssen und zwar die ganze Kette durch den ganzen Körper durch. Aus der Kenntnis der allgemeinen funktionellen Anatomie ergibt sich das Erkennen der Bewegungsstörung im individuellen Fall. Die Muskeln, die der Patient beim Gehen, Greifen, Atmen etc nicht mitbewegt, obgleich sie normal zu dieser Bewegung gehören würden, sind in Dauerkontraktion. Hier muss man arbeiten.

3. dass die Behandlungserfolge sehr gut überprüfbar sind. Praktisch nach jeder Behandlungsstunde können Patient und Behandler die Ergebnisse sehen und spüren und auch Außenstehende können den Behandlungserfolg bestätigen. Das heißt, man kann sehen, ob und wie sich das Bewegungsbild verändert hat , welche Muskeln sich jetzt bewegen, wie groß das Ausmaß der Bewegung jetzt ist, wie tief die Atembewegung geht etc. Und natürlich kann der Patient spüren, ob und in welchem Umfang seine Beschwerden noch auftreten und wie sein Allgemeinbefinden ist.

4. dass sie sehr gut von den Patienten angenommen wird. Dadurch, dass man ganz genau auf ihre individuelles Beschwerdebild eingeht, es völlig ernst nimmt und ihnen ehrlich glaubt, dass sie wirklich körperliche Beschwerden haben, um die man sich kümmert, fühlen sich die Patienten endlich verstanden und angenommen. Anstatt sie in ein Diagnoseschema pressen zu wollen, betrachtet der Behandler sie als einzig kompetente Spezialisten für die Empfindungen ihres Körpers, auf deren Informationen er angewiesen ist. Dadurch, dass die Behandlung auch noch schnell Wirkung zeigt, arbeiten die meisten Patienten rasch aktiv mit.

5. dass die Wirkung sowohl symptomatisch wie ganzheitlich ist. Das heißt, man behandelt sowohl an der Stelle, wo die Missempfindung und/oder Bewegungsstörung vom Patienten angegeben wird (also z. B. den schwindligen Kopf oder die steife Zehe), darüber hinaus aber auch die gesamte Haltungs- und Bewegungsorganisation, in deren Zusammenhang die Beschwerden an dem betreffenden Körperteil aufgetreten sind. Daher erstreckt sich die Wirkung sowohl auf die spezifischen Beschwerden wie auf den ganzen Menschen. Man geht mit klarem Kopf, beweglicher Zehe und guter Laune.

dass sie sehr erfolgreich ist, was sich aus den Punkten 1 - 5 ergibt. Die Länge der Behandlung ist individuell sehr unterschiedlich, sie schwankt zwischen einer und fünfzig Stunden. In der Regel gehen wir von 10 bis 20 Stunden aus. Das ist sehr effizient und schnell und es kommt auch auf Dauer zu keinen negativen Nebenwirkungen.

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Sensomotorische Körpertherapie bei Angst und Depression

Eine Darstellung für Betroffene

Zusammenfassung:
Dieser Text enthält einen kurzen Abriss

Wenn Sie unter Angstattacken oder depressiven Zuständen leiden, ist ihnen sicher schon aufgefallen, dass dabei eine ganze Reihe körperlicher Beschwerden auftreten.

Bei einem Angstanfall spüren Sie dieses scheußliche Angstgefühl am Brustkorb vorn, vielleicht noch im Oberbauch oder am Hals vorn. Außerdem spüren Sie vielleicht noch Atemnot und daraus folgend viel zu schnelles Atmen und verhaspeltes Sprechen, Herzklopfen bis Herzrasen, feuchte und kalte Hände, einen trockenen Mund, wacklige Knie und zittrige Hände, eine "Mattscheibe" im Kopf, die sie nicht mehr richtig denken lässt und die bewirkt, dass Ihnen die simpelsten Dinge nicht einfallen. Das Ganze kann so schlimm sein, dass Sie meinen, sie müssten sterben oder verrückt werden. Sie können es überhaupt nicht steuern, sondern fühlen sich diesem Geschehen hilflos ausgeliefert. Ihre Bewegungen werden fahrig und unkontrolliert.
Wahrscheinlich haben Sie auch noch andere Beschwerden wie Reizblase, Herzschmerzen, Durchfallneigung etc.

In der Depression spüren Sie ein Gefühl der Bedrückung, und zwar auch auf der Vorderseite des Rumpfes, es liegt wie ein Stein auf der Brust, vielleicht haben Sie auch ein elendes Gefühl im Bauch. Eventuell haben Sie auch ein ungutes Gefühl im Nacken und/oder Kopf. Sie atmen kaum, ihr Atem ist kurz, flach und häufig unterbrochen. Ihr ganzer Körper fühlt sich unendlich schwer an, jede Bewegung kostet große Mühe. Sie haben keinerlei Lust, irgendetwas zu tun, selbst das Aufstehen stellt schon eine ungeheure Anstrengung dar, Sie fühlen sich wie gelähmt. Ihre Bewegungen sind dadurch verlangsamt. Alles erscheint Ihnen grau in grau, bzw. schwarz in schwarz. Sie ziehen sich am liebsten zurück und grübeln. Dabei kreist Ihr Denken unproduktiv immer um das Gleiche. Das ganze Leben erscheint Ihnen sinnlos. Es freut Sie nichts mehr. Wahrscheinlich haben Sie auch noch andere körperliche Beschwerden, die gemeinhin als psychosomatisch gelten, wie Schmerzen aller Art, Magendrücken, Herzstechen, Sodbrennen, Blasenleiden etc.

Ohne Zweifel leiden Sie furchtbar - ob sie nun mit Ängsten oder Depressionen oder beidem leben. Natürlich muss man da etwas tun - aber was? Verwandte und Freunde haben Ihnen sicher geraten, sich zusammen zu reißen, alles nicht so schwer zu nehmen, sich abzulenken und erklären Ihnen, dass Sie doch gar keinen Grund haben, ängstlich oder bedrückt zu sein. Leider hilft Ihnen das alles wenig, denn es ist nichts dabei, was Sie nicht selber schon wissen, bzw. versucht haben.

Professionelle Hilfe bei dieser Art von Problemen bieten Psychotherapien, die überwiegend über Gespräche und geistige Bewusstseinsprozesse laufen und medikamentöse Therapien, wie sie vor allem von Psychiatern eingesetzt werden.

Eine alternative Erklärung von Angst und Depression

Ohne die Wirksamkeit der etablierten Therapien schmälern zu wollen, wird hier ein dritter Weg beschrieben, nämlich eine körperpsychotherapeutische Behandlung.

Bevor ich Ihnen diesen Weg beschreibe, lassen Sie mich zunächst darlegen, wie das Zustandekommen Ihrer Beschwerden meiner Meinung nach zu verstehen ist.
Befühlt man Muskeln und Unterhautbindegewebe von Patienten mit Angst oder Depression kann man in aller Regel druckschmerzhafte Verhärtungen und Verkürzungen feststellen und zwar genau in der Region, wo die Angst oder Bedrückung empfunden wird, nämlich auf der Vorderseite des Körpers.
Diese Verkürzung sieht man oft schon an der Haltung der Betroffenen: sie ist vornüber gebeugt. Alle "Halte Dich gerade"- Appelle helfen da gar nichts, denn diese Haltung kommt nicht daher, dass die Rückenmuskeln zu schwach oder die Betroffenen zu faul wären, um sie einzusetzen. Nein, sie kommt daher, dass die Bauch- und Brust- und Halsmuskeln sich in chronischer Dauerkontraktion befinden, also verspannt sind. Das zieht nach vorne und engt die Atmung ein. Denn die Atmung geschieht vorwiegend durch die Muskeln, die sich auf der Vorderseite des Körpers befinden. Die Lunge selbst ist ein passives Organ, das von den Muskeln bewegt wird. Diese Atemeinschränkung ist in meiner Sichtweise das zentrale Geschehen bei Angst und Depression. Und zwar wird bei Angst der Atem-Enge durch Hyperventilation begegnet, das heißt man atmet viel zu schnell und kurz. Das wiederum bringt die ganze Körperchemie durcheinander, was die vasomotorischen Störungen erklärt wie Herzrasen, feuchte Hände, trockner Mund, Zittern, weiche Knie, die "Mattscheibe" usw.
Bei der Depression wird insgesamt viel zu kurz und zu wenig geatmet. Dadurch werden die Muskeln so wenig mit Sauerstoff versorgt, dass sie kaum arbeiten können. Das erklärt die Lust- und Initiativelosigkeit, die Mühsal des Daseins. Der "innere Schweinehund" sitzt wahrscheinlich in der Muskulatur. Da es durch die vorgebeugte Haltung auch noch zur Nackenverspannung kommt, die die Blutgefäße einengt, ist die Sauerstoffversorgung des Kopfes noch zusätzlich beeinträchtigt. Das trägt wahrscheinlich zu den "schwarzen Gedanken" und den sinnlosen Grübeleien bei.

Durch die Dauerkontraktion der Muskeln auf der Vorderseite des Körpers kommt es meiner Meinung nach auch zu den übrigen Beschwerden wie Magendrücken, Harndrang, Herzstechen usw., da die Organe die Quetschung durch die Muskeln schlecht vertragen.

Wie entstehen solche Dauerkontraktionen? Wie alle Lebewesen ziehen wir uns bei negativen Erlebnissen und Gefahren zusammen. Denken Sie an den Igel oder die Schnecke, der Sie auf die Fühler tupfen. Das unangenehme Gefühl, das bei uns beim Zusammenziehen entsteht, warnt uns, solche Situationen künftig zu meiden. Wird diese Reaktion des Zusammenziehens der Vorderseite beim Menschen immer wieder ausgelöst oder einmal sehr heftig oder bereits in früher Kindheit, entsteht eine ständige Kontraktion, die sich von allein nicht mehr löst. An den dauerkontrahierten Stellen reagieren wir überempfindlich auf jede weitere Bedrohung und das bereits in der Vorstellung. Hat man zum Beispiel eine Spinnenangst, reicht schon die Abbildung einer Spinne, um eine noch stärkere Kontraktion der Bauch- und Brustmuskulatur hervorzurufen. Das ist mit Angstgefühl und Atemanhalten verbunden, gefolgt von Hyperventilation.

Wichtig ist: es lässt sich tatsächlich bei den geklagten Beschwerden nicht nur eine seelische, sondern auch eine körperliche Veränderung finden, nämlich eine Verspannung in Muskeln und/oder Bindegewebe, die die Bewegung einengt. Diese Verspannung lässt sich weder durch Röntgenbilder noch durch sonstige Bild gebende Verfahren sichtbar machen. Aber Sie, als Betroffene/r, können ganz genau zeigen, wo diese Verspannungen sitzen: da nämlich, wo Sie Ihre Angst oder Bedrückung spüren. Und Sie, nur Sie können sagen, was sich in Ihrem Organismus wie anfühlt. Dafür haben Sie das einzig mögliche Messinstrument, nämlich die Sinneszellen für Körperempfindungen, die sich als Sinnesorgane über den ganzen Körper verteilen. Sie sind der einzige Spezialist auf dieser Welt für die Gefühle und Empfindungen Ihres Körpers.

Was aber kann man tun, um die quälenden Angst- und Bedrückungsempfindungen wieder loszuwerden?

Bei der Sensomotorischen Körpertherapie nach Dr. Pohl geht man wie folgt vor: Zunächst lässt man sich die Beschwerden des Patienten von diesem ausführlich beschreiben und zeigen. Dadurch erhält man Hinweise auf den Sitz der Dauerkontraktionen. Da, wo der Patient den Sitz seiner unangenehmen Empfindungen zeigt, da genau sitzt seine Hauptverspannung. Dann untersucht man Haltung, Gang und Atmung des Patienten, um Hinweise auf dessen gesamtes Spannungsmuster zu erhalten. Da, wo die Haltung nicht aufrecht ist, weil Muskeln verkürzt sind, da, wo es sich beim Gehen und Atmen nicht mit bewegt, da, wo es sich von außen dauernd hart anfühlt, da ist es auch verspannt. Wir sagen und zeigen dem Patienten, was wir über sein individuelles Spannungsmuster herausgefunden haben.

Dann wenden wir verschiedene Verfahren an, um die verspannte Muskulatur von Bauch, Brustkorb, Zwerchfell und Hals und Nacken zu lockern und damit wieder in Bewegung zu bringen und die Körperpartien für den Betroffenen wieder spürbar und erlebbar zu machen.

1. Wir beginnen meist mit Hanna Somatics. Dabei lässt man den Patienten nacheinander alle Muskeln, die er bewusst nicht entspannen kann, bewusst noch stärker anspannen und zwar gegen den Druck des Therapeuten. Dann bittet man ihn den Druck langsam und schrittweise immer weiter zurück zu nehmen und zwar wieder mit entsprechend reduziertem Gegendruck seitens des Therapeuten, bis der Muskel schließlich entspannt ist. Bei all dem fordert man den Patienten immer wieder auf, zu spüren, was er jetzt gerade mit welchem Muskel tut, und auch, wie es sich danach anfühlt. Da wir nur das spüren können, was wir bewegen können und nur das bewegen können, was wir spüren können, fördert diese Aufmerksamkeits- und Achtsamkeitslenkung Körperbewusstsein und freie Beweglichkeit.

2. Sind nach den Pandiculations von Hanna Somatics noch Einengungen oder Beschwerden spürbar, untersuchen wir gezielt die fraglichen Muskel- und Bindegewebspartien. Wo der Patient noch eine Einengung spürt, kann man im Allgemeinen außen noch punktuelle Verhärtungen im Muskel, so genannte Myogelosen (Triggerpunkte), oder Bindegewebsverhärtungen spüren. Bei der manuellen Muskelbehandlung lösen wir die Myogelosen, indem wir sie mit verlagerndem Druck mit den Händen bearbeiten, und den Patienten dabei aktiv den betreffenden Muskel genau an der betroffenen Stelle bewegen lassen. Infolge der noch bestehenden Überempfindlichkeit des Muskels ist das zunächst (für etwa 1-2 Minuten) schmerzhaft. Die Schmerzstärke ergibt sich aus der noch existierenden Überempfindlichkeit des Gewebes. Genau die gleiche Druckstärke wird unmittelbar neben den verspannten Punkten als angenehm empfunden. Der Schmerz verschwindet in dem Maße, wie sich die Verspannung in der Bewegung löst. Genau in diesem Augenblick kann man als Behandler spüren, wie der Muskel unter der Behandlung locker und die Bewegung freier wird. Für den Patienten fühlen sich die behandelten Stellen dann wohlig und wie befreit an. Von außen kann man sehen, dass sie sich mit der Atmung wieder bewegen.

3. Bei der manuellen Bindegewebsbehandlung lösen wir die Bindegewebsverhärtungen, indem wir eine Hautfalte nach der anderen aufnehme und mit den Fingerspitzen durcharbeiten. Bezüglich des anfänglichen Schmerzes und seines Nachlassens gilt das Gleiche wie gerade bei den Muskeln beschrieben. Auch hier entsteht anschließend Wohlgefühl und Bewegung der Muskeln, die jetzt nicht mehr durch festes Bindegewebe / Faszien eingeengt sind.

4. Schließlich erhält der Patient noch Übungen, die er zu Hause ausführen kann. Bei den meisten dieser Übungen geht es darum, die verspannte Muskulatur zunächst noch stärker anzuspannen und dann die Spannung allmählich immer mehr zurück zu nehmen, bis der Muskel soweit wie möglich entspannt ist. Auch dabei lenkt man wegen der gegenseitigen Steuerung von Sensorik und Motorik die Aufmerksamkeit auf die Körperwahrnehmung. Die Übungen sind daher mit größter Achtsamkeit und Langsamkeit durchzuführen.

5. Das Körperbewusstseinstraining: Wie Sie bereits gesehen haben, durchzieht es als roter Faden alle übrigen Verfahren von Anfang an. Sind Muskeln und Bindegewebe / Faszien so weit gelockert, dass der Betreffende wieder frei über seine Bewegungen verfügen und sich wieder spüren kann, intensiviert man das Körperbewusstseinstraining, indem man es auch auf den Alltag überträgt. Das heißt in diesem Fall: der Patient bekommt als Hausaufgabe, darauf zu achten, bei welchen Gelegenheiten er noch die Luft anhält und was er an Alltagsgewohnheiten hat, bei denen er gleichzeitig andere Muskeln in Dauerspannung bringt. Was man dabei feststellt, kann sehr unterschiedlich sein: der eine hält vielleicht die Luft an, sobald der Chef das Zimmer betritt, dabei hält er gleichzeitig die Schultern hochgezogen und den Kopf, ängstlich in den Nacken gezogen. Eine andere hält ihren Bauch immer eingezogen, weil er ihr zu dick vorkommt. Sobald sie unter Zeitdruck gerät, bzw. sich selbst unter Druck setzt, weil sie sich zu viel auf einmal aufbürdet, macht sie den Bauch noch fester und drosselt sich noch mehr die Luft zum Atmen ab. Der nächste reduziert sie Atmung vielleicht schon, wenn er sich auf eine knifflige Aufgabe konzentriert. Dabei spannt er gleichzeitig seine Beine an und krallt mit den Zehen.
Bei diesem Körperbewusstseintraining im Alltag bemerkt man oft auch äußere Faktoren, mit denen man seine Atmung einschränkt (z.B. den, zu enge Kleidung zu tragen, sich so hinzusetzen, dass er nicht atmen kann usw.).

Alles zusammen

Mit allen Methoden zusammen erreicht man eine Befreiung der Atmungsmuskulatur und ermöglicht eine bewusste Steuerung der der vorher unwillkürlich ständig angespannt gehaltenen Muskulatur. Damit löst sich die emotionale Stagnation, das Gefühl der Angst, Aufregung und Hilflosigkeit ebenso wie das Gefühl der Bedrückung, der Erschöpfung, Kraftlosigkeit und Initiativelosigkeit. Die "psychosomatischen" Beschwerden können verschwinden, wenn man gezielt Muskulatur und Bindegewebe / Faszien an den Störungsstellen an Bauch, Brustkorb und Hals behandelt und das zugehörige Spannungsmuster auflöst.
Diese seelisch-körperlichen Erfahrungen wiederum kann der Patient in seinen Lebenszusammenhang und dessen biographischen Hintergrund bringen. So berichten viele, dass sie schon als Kind ängstlich und zurückhaltend waren und schon damals durch eine vornüber gebeugte Haltung auffielen. Oft können sie auch Erlebnisse erinnern, die diese seelisch-körperlichen Reaktionen ausgelöst haben. Am wichtigsten ist jedoch, dass sie lernen, die damals entstandenen Reaktionen im Hier und Jetzt zu ändern, wodurch sie sich nicht mehr so hilflos ausgeliefert fühlen.
Dann werden die Patienten munterer und fröhlicher und entwickeln von sich aus wieder Schwung und neue Ideen für ihr Leben.
Durch die Körper-Seele-Einheit lassen sich diese körpertherapeutischen Behandlungen natürlich ohne weiteres in mehr verbal orientierte oder verhaltenstherapeutische psychotherapeutische Verfahren integrieren. Es handelt sich um keinen Gegensatz, sondern nur um verschiedene Zugangswege für das gleiche Geschehen, die sich wunderbar ergänzen können.

Selbsthilfemethoden zur Verbesserung von Atmung und Befinden

Um Ihnen einen ersten Eindruck zu geben, wie körpertherapeutische Verfahren wirken können, hier ein paar Beispiele für Sensomotorischen Übungen, die Sie gleich mitmachen können. Natürlich kann man keine Behandlung aus der Ferne durchführen und die folgenden Übungen können auch keine Psychotherapie und keinen Psychotherapeuten ersetzen. Aber vielleicht können Sie einen gewissen Einfluss der Übungen auf Ihr Befinden feststellen.

Beginnen Sie mit einem Test:
Sie legen sich bitte auf den Boden, auf den Rücken. Spüren Sie, wie Sie auf dem Boden aufliegen: Können Ihre Schultern oben aufliegen? Wie fühlt sich der Nacken im Liegen an? Wie liegen Ihre Arme? Liegen Ihre Hände mit den Handinnenflächen auf oder mit der Kleinfingerseite?
Achten Sie auf Ihre Atmung und darauf, wo überall Sie die Atembewegung spüren können. Wie weit hinunter in den Bauch können Sie atmen? Bewegt sich Ihr Brustkorb beim Atmen? Atmen Sie dabei normal weiter (ändern Sie nichts) und zählen Sie innerlich mit der Atmung mit und zwar getrennt für Ein- und Ausatmung (also 1, 2, 3,…bei die Einatmung, 1,2,3…bei der Ausatmung). Merken Sie sich bitte die Zahlen.

Übung zur Befreiung der Bauch- und Brustmuskulatur

stellen die Füße auf (beugen also die Knie) Legen sich bitte die Hände verschränkt hinter den Kopf. Nun gehen Sie mit der Ausatmung langsam mit Kopf und Oberkörper in die Höhe und lassen auch Ihre Ellbogen sich einander annähern. Spüren Sie, wie Sie dabei die Bauch- und Brustmuskeln anspannen. Halten Sie oben kurz inne, atmen normal weiter und gehen dann langsam, ganz langsam mit Kopf, Oberkörper und Armen wieder zum Boden zurück und spüren dabei, wie die Spannung in Bauch und Brustmuskeln allmählich weniger wird. Wenn Sie mit Kopf, Oberkörper und Armen wieder aufliegen, versichern Sie sich, dass alles so locker wie möglich ist, und dass auch die Ellbogen - so weit wie von allein leicht möglich - wieder aufliegen. Erst dann starten Sie eine neue Anspannung, indem sie wieder mit der Ausatmung Kopf und Oberkörper mit den Bauchmuskeln anheben und die Arme mit Hilfe der Brustmuskeln an den Ellbogen einander nähern lassen.
Wiederholen Sie die Übung etwa 8- bis 10- mal und spüren Sie dann, ob Sie nun leichter und weiter in den Bauch atmen können.

Wiederholen Sie dann den Test. Wie liegen Schultern, Nacken, Arme jetzt auf? Wo überall können Sie Ihre Atmung jetzt spüren? Wie tief nach unten atmen Sie jetzt? Machen Sie auch den Zähltest mit der Ein- und Ausatmung nochmals und stellen Sie fest, ob Sie jetzt eine oder mehrere Zahlen länger zählen können und ob sich das Verhältnis von Ein- und Ausatmung geändert hat.
Wie fühlen Sie sich?

Übung für einen beweglichen Brustkorb

Auf dem Rücken liegend strecken Sie die Arme waagerecht zur Seite aus.
Rollen Sie dann Ihre liegenden Arme mitsamt den Schultern zuerst nach unten (dabei atmen Sie aus), dann nach hinten oben (dabei atmen Sie ein).
Spüren Sie, wie Ihre Schultern sich beim Runterrollen vom Boden abheben und beim nach Hochrollen an den Boden drücken, wie allmählich auch der Brustkorb mitmacht, indem die Rippen vorn sich beim nach Runterrollen und Ausatmen zusammenfalten, während sie beim nach Hochrollen und Einatmen auseinandergehen.

Wiederholen Sie die Übung ein paar Mal und machen Sie dann wieder den Test. Wie liegen Ihre Schultern jetzt auf? Was macht der Brustkorb? Wo spüren Sie die Atmung jetzt? Wiederholen Sie auch die Atemtests mit dem Zählen.

Selbstberuhigung durch langsames Atmen

Sie legen sich bequem auf den Rücken, legen sich eine Hand auf den Unterbauch und lassen den Einatem kommen, wie er will. Dann atmen Sie ganz langsam, sacht und unhörbar aus, machen am Ende der Ausatmung eine Pause und warten einfach zu, bis der Einatem von allein wieder kommt und so weiter.
Nach einer Weile werden Sie vermutlich spüren, dass Sie sich innerlich ruhiger und entspannter fühlen. Auch das Herz klopft dann langsamer. Man kann diese Übung immer einsetzen, wenn man aufgeregt ist, sie aber auch als Einschlafhilfe verwenden.

Selbstbehandlung von Triggerpunkten:
Bleiben Sie in Rückenlage und zeigen Sie selbst auf das Gebiet auf Ihrer Vorderseite, wo Sie Angst oder Bedrückung spüren. Gehen Sie dieses Gebiet dann durch punktuellen Druck mit einem Finger ab. Wenn Sie auf eine Stelle stoßen, bei der dieser Druck schmerzhaft wird, halten Sie Ihren Finger auf diesen Punkt gedrückt und drücken Sie genau diese Stelle bei der Einatmung heraus und ziehen Sie mit der Ausatmung genau diese Stelle hinein. Atmen Sie dabei sehr langsam, vor allem bei der Ausatmung. Am Anfang wird es Ihnen vermutlich schwer fallen, genau diese Stelle zu bewegen, was sich aber wahrscheinlich in kurzer Zeit verbessern wird, während gleichzeitig die Druckschmerzhaftigkeit der Stelle schwindet. Bearbeiten Sie auf diese Weise ein paar Punkte in Ihrer kritischen Gegend. Spüren Sie immer wieder, wie Sie dann atmen können. Wiederholen Sie die Übung "Langsames Atmen". Wie geht sie jetzt?
Überlassen Sie Ihren Atem wieder der "Automatik" und wiederholen Sie den Test. Wohin können Sie jetzt atmen? Wie lange sind die Ein- und Ausatemzüge? Hat sich etwas im Verhältnis von Länge der Einatmung zur Länge der Ausatmung geändert?
Wie fühlen Sie sich jetzt?.

Körperbewusstseinstraining im Alltag:

Achten Sie auf Ihre Atmung. Merken Sie, in welchen Situationen Sie die Luft anhalten oder abdrosseln? Bauch und/oder Brustkorb festziehen? Halten Sie bewusst den Bauch eingezogen und spüren Sie, wie sich das auf Ihre Atmung auswirkt. Achten Sie auch darauf, ob Ihre Kleidung (knallenge Jeans, Miederhosen, zu enge Gürtel usw.) Ihre Atmung einengt. Setzen Sie sich tief nach vorne gebeugt, um auf den Bildschirm Ihres Laptops zu sehen oder zu lesen. Bleiben Sie in dieser Haltung ein paar Stunden und spüren Sie, wie behindert Ihre Atmung in dieser Position ist. Wie fühlen Sie sich danach? (frisch und munter oder eher erschöpft und übellaunig?).
Nach Lockerung der Vorderpartie durch die Übungen setzen Sie sich aufrecht (ohne ins Hohlkreuz zu gehen!) vor einen Monitor, der so hoch ist, dass das obere Drittel sich in Ihrer Augenhöhe befindet. Ziehen Sie ab und zu den Bauch beim Ausatmen absichtlich ein und lassen Sie ihn beim Einatmen wieder locker. Blicken Sie zwischendrin im Zimmer umher, drehen Sie den Körper dabei. Machen Sie Pausen, in denen Sie aufstehen und sich bewegen. Spüren Sie, wie Sie sich dann am Ende eines Arbeitstags fühlen. (immer noch erschöpft und übellaunig oder eher frisch und munter?).
Spüren Sie auch, unter welchen emotionalen Umständen Sie Bauch und Brustkorb festmachen und damit Ihre Atmung einschränken. Wie ist es z.B. vor Auseinandersetzungen, denen Sie am liebsten aus dem Weg gehen würden? Wie ist es, wenn Sie etwas vor sich haben, was Sie als schwierig einschätzen? Wie ist es, wenn Sie vor sich hinbrüten und Ihre Lage für hoffnungslos halten? Ziehen Sie auch unter diesen Umständen Bauch und Brustkorb mit der Ausatmung absichtlich ein und lassen Sie ihn bei der Einatmung wieder locker herauskommen, atmen Sie dabei langsam. Wie sind Laune, Mut und Zutrauen jetzt?

Aus der Erstarrung in die Bewegung

Beginnen Sie einen Ausdauersport, bei dem Sie sich möglichst locker bewegen können, zum Beispiel Joggen, Schwimmen, Bergwandern, Tanzen, Langlaufen. Machen Sie das alles mit möglichst wenig Anstrengung, genißen Sie vielmehr die Bewegung.

 

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Das Buch von Dr. Pohl

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